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Fasten

Fasten - allgemein und bei Zwingli

Fasten bezeichnet die Enthaltsamkeit von allen oder von bestimmten Nahrungsmitteln. Die Praxis des Fastens ist im Zusammenhang mit dem religiösen Leben in den meisten Religionen verbreitet (Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus). Ursprünglich war das Fasten ein religiöses Ritual, bei dem die körperliche Tätigkeit allgemein eingeschränkt oder ganz eingestellt wurde. Dies führte zu einem Zustand der Ruhe, der einem symbolischen Tod oder dem Zustand vor der Geburt vergleichbar sein sollte.

In vielen alten Kulturen war das Fasten ein Teil des Fruchtbarkeitsritus, der zur Zeit der Sonnenwende abgehalten wurde. Auch der Verzehr von ungesäuertem Brot (Matze) beim jüdischen Passahfest im Frühling sowie die Fastenzeit, die viele Christen als Vorbereitung auf Ostern einhalten, soll auf die alten Rituale zurückgehen. Die Juden fasten jedes Jahr anlässlich des Versöhnungsfestes (Jom Kippur) als Busse und Reinigung. Der islamische Fastenmonat Ramadan, während dessen die Gläubigen tagsüber fasten und erst nach Einbruch der Dunkelheit essen und trinken dürfen, gilt ebenfalls als eine Form der Busse.

Auch bei den ersten Christen galt das Fasten als Form der Sühne und Reinigung (MatthäusEV 6,16 und MarkusEV 9, 29). In den ersten 200 Jahren der christlichen Kirche diente das Fasten als freiwillige Vorbereitung auf die Sakramente der heiligen Kommunion/Eucharistie und der Taufe sowie als Vorbereitung auf die Ordination ("Weihe") eines Priesters. Erst später wurden diese und andere im Lauf der Zeit eingeführte Fastenzeiten obligatorisch.

Im 6. Jahrhundert wurde die Fastenzeit im Frühjahr verlängert. Aus den ursprünglichen 40 Stunden, der Zeit, die Christus in seinem Grab blieb, wurden 40 Tage vor Ostern, wobei an jedem Tag nur eine Mahlzeit verzehrt werden durfte. An diese vorösterliche Fastenzeit knüpfen heutige "Fasten-Aktionen" an, die statt der völligen Abstinenz den Verzicht bestimmter Nahrungsmittel bzw. Verhaltensweisen propagieren (Z.B. betont das Blaue Kreuz jedes Jahr ein bestimmtes Suchtverhalten, vgl. auch die Fasten-Aktion "Medienverzicht" in Deutschland).

Schon seit frühester Zeit hat es auch Kritik am Fasten gegeben. Einige Propheten des Alten Testaments wie auch Schriften des frühen Christentums verurteilten den Missbrauch des Fastens durch Menschen, die ein unmoralisches Leben führten und das Fasten zur hohlen Form verkommen ließen.

Fasten ist zwar nicht unbiblisch und für den Theologen Zwingli sicher auch aus eigener Erfahrung nichts Unbekanntes. Aber "Kein Christ ist zu den Werken, die Gott nicht geboten hat, verpflichtet. Er darf also zu jeder Zeit jegliche Speise essen." (67 Schlussreden, 1523). Er darf, aber er muss nicht. Zwingli gewichtet hier die "evangelische Freiheit des Christenmenschen" höher als die kirchlichen Verbote und Traditionen. Frei interpretiert: Wem das Fasten hilft, zu Gott zu kommen, der faste. Wer auch ohne Fasten die Ruhe, Tiefe und Zeit hat, zu Gott zu finden, der faste nicht.

Matthias Reuter (bearbeitet)