Message

Zum Abschied von Pfarrer Ernst Sieber :: Mit Kurz-Video

Diesem inspirierten Apostel und leuchtenden Fackelträger des Alltags kann die Zürcher Kirche nur dankbar sein, zusammen mit allen, die bei ihm Unterstützung oder Inspiration gefunden haben.

:: Trauerfeier im Grossmünster (Tele Züri) 

:: Kirchenratspräsident Michel Müllers Würdigung von Pfarrer Ernst Sieber
an der Abdankung im Grossmünster am 31. Mai 2018

:: Kirchenratspräsident Michel Müllers Rede zum Abschied von Pfarrer Ernst Sieber
auf dem Platzspitz am 2. Juni 2018

:: Flickr-Album Abschied auf dem Platzspitz

- - - - - - -

Die reformierte Kirche kennt keine Heiligen. Umso erstaunlicher, dass sie vor einigen Jahren einem ihrer Akteure eine Art Denkmal setzte. In einem kirchlichen Zürcher Lehrmittel für Jugendliche figuriert Pfarrer Ernst Sieber als Vorbild. Der Grund lag jedoch nicht darin, dass der selbst in säkularen Medien hochgelobte „Pfarrer der Nation“ ein besonders geheiligtes Leben geführt hätte. Vielmehr wurde gewürdigt, dass er viele Jahre lang den Weg in der Nachfolge Jesu beschritten hatte, hin zu den Schwestern und Brüdern in allen ihren Lebenslagen. Für manche Menschen sei „dr Pfarrer Ärnscht“ so zur Gottesbegegnung geworden, schrieb Kirchenratspräsident Michel Müller einmal – eben nicht wegen seiner Heiligkeit, sondern weil er seiner Mitwelt etwas von Gottes Heil nahe gebracht habe. In dieser Bewegung hin zu den Menschen habe der Stadtzürcher Seelsorger viele Menschen angesteckt, es ihm gleich zu tun mit ihren Gaben und Fähigkeiten.

„Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Dieses Matthäus-Wort, auch auf einer Todesanzeige von Ernst Sieber zitiert, hat der Bruder der Menschen am Rand konsequent gelebt. In jedem Menschen vermochte er das Bild Gottes zu erkennen, so unattraktiv oder verachtenswert dieser in den Augen der Gesellschaft sein mochte. Randständige gab es für den einstigen Bauernknecht ohnehin keine, bloss Menschen. Und gerade die Geächteten und Verachteten waren für ihn diejenigen, die es als Erste zu achten und zu umsorgen galt.

Mit seiner Verkündigung in Wort und Tat machte der ehemalige Pfarrer der Kirchgemeinden Uitikon-Waldegg und Zürich Altstetten seit der Seegfrörni 1963 und dann über viele Jahrzehnte Stadt und Land auf soziale und menschliche Nöte und Missstände aufmerksam und packte gleich selber an. Die nach ihm benannten Sozialwerke haben seine Fürsorglichkeit längst institutionalisiert und etabliert. Damit haben sie einen Standard gesetzt für Leben und Wirken der Kirche.

Als guter Samariter der Versehrten und Gestrauchelten gelang es Sieber, dem gesellschaftlich klischierten Bild vom theoretisierenden Pfarrer auf der Kanzel mit seinen eigenwilligen Farben einen neuen Charakter zu verleihen. Mit Bildern war er überhaupt vertraut: Seine Verkündigung – unvergessen der zum Kreuz umgebaute Bilderrahmen – war bildhaft, seine Bilder waren sprechend. Sein eigenes Atelier umfasste zahlreiche gemalte und gehauene Werke. Auch sich selbst entwarf er als Bild, als Hirte mit breitkrempigem Hut und wärmendem Schal, der mutig den Weg wies und den ihm Anvertrauten treu zur Seite stand. Ja, seelenwärmend wirkte sein inniges Engagement in einer zunehmend kühleren gesellschaftlichen Atmosphäre. Verbinden statt trennen, integrieren statt ausschliessen, solidarisch das Gemeinwohl suchen statt individualistisch Eigeninteressen bedienen – so lebte Sieber die eigentlich hochpolitische Essenz des Evangeliums, pionierhaft und unbeirrbar. „Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt“, diese Charakterisierung der gelebten Nachfolge Jesu praktizierte die „Instanz der Menschlichkeit“ tags und nachts, auf der Strasse und im Pfuusbus, mit dem Esel an einer Demonstration und in jedem Gespräch mit einem Bedürftigen.

Diesem inspirierten Apostel und leuchtenden Fackelträger des Alltags kann die Zürcher Kirche nur dankbar sein, zusammen mit allen, die irgendwann bei ihm Unterstützung oder Inspiration gefunden haben. Ihn heilig zu sprechen, wäre bestimmt nicht in seinem Sinn. In seinem am Evangelium orientierten Geist weiter zu kämpfen für eine solidarische Gesellschaft, dies dürfte ihm eher entsprechen, ihm, dem im spirituellen Sinn eigentlich doch Geheiligten, der sein irdisches Leben genau an Pfingsten beendet hat und es nun heiter haben möge…

02.06.18 - Erinnerungsfeier für Pfarrer Ernst Sieber