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Wenn das Licht angeht…

Von existenziellen und anderen Fragen an einer ungewöhnlichen kirchlichen Preisverleihung – Rückblick auf den Filmpreis der Kirchen am ZFF

Von Madeleine Stäubli-Roduner

Authentizität statt Hollywood, ungeschminkte Charaktere anstelle von Kunstfiguren, bittere Realität statt Inszenierung – der sichtbare Gezeitenwechsel des ZFF unter seinem charakterstarken Direktor Christian Jungen ist auch beim kirchlichen Filmpreis angekommen. Da ist die Rede von existenziellen Fragen, von einer filmischen Konfrontation mit Szenen, die sich hinter den Kulissen abspielen und von realen Missbrauchsopfern, deren schlimmstes Leiden das Schweigen der Wissenden sei. Aber halt, das wäre vorgegriffen, erst sei an den Anfang zurückgespult.

Da begrüsst eine eloquente Sibylle Forrer, Pfarrerin in Kilchberg, das gutgelaunte Publikum mit der eindringlichen Frage danach, was denn bleibt, wenn das Licht angeht. In diesem Moment, so hält sie fest, würden Kino und Theologie zu interessanten Gesprächspartnern in einem Dialog, der sich am Filmpreis der Kirchen auch in der illustren Gästeschar von kirchlicher Prominenz und cineastischen Vertretern spiegle.

Was würde Jesus heute tun?

Dann nimmt ein tiefenentspannter Festival-Direktor den Verweis der Moderatorin auf seine Reflexion vom letztjährigen Interview auf und vertieft diese refrainartig: „Was würde Jesus tun, wenn er heute wieder in der Welt wäre?“, fragt Christian Jungen. Der versierte Filmprofi, der auch Stars wie Sharon Stone auf den grünen Teppich bringt, bekennt sich vor dem Publikum zum Christsein, streicht die Attraktivität der Kirchen als Orte zum Reflektieren hervor und regt visionär zu innovativen kirchlichen Kommunikationsformen an. Jesus würde heute twittern und wäre auf YouTube präsent, um wahrgenommen und gehört zu werden, ist der cinephile Redner mit verblüffenden Hirtenqualitäten überzeugt. „Warum schickt uns die Kirche nicht ein Tiktok-Video mit biblischen Inhalten, das würde unsere siebenjährige Tochter bestimmt gern anschauen!“, sagt er augenzwinkernd. Das Kino sieht Jungen als Ort für Wertediskussionen zu existenziellen Fragen, als Medium der Emotionen und als Augenöffner für die Welt aus der Perspektive von anderen Menschen.

Diesen Blick auf eine andere, unerwartete Welt eröffne der Siegerfilm überzeugend, sagt darauf Präsidentin Lucie Bader im Namen der Jury, in der Medien- und Religionswissenschaftlerin Marie-Therese Mäder, Regisseurin und Preisträgerin Karin Heberlein, Kirchenrat Andrea Marco Bianca und Synodalrat Tobias Grimbacher intensiv um eine Entscheidung gerungen haben. Der Film „La Mif“ („Die Familie“) erfülle viele Erwartungen, so Lucie Bader, denn „wenn das Licht angeht, sollen Fragen heimbegleiten und zu neuen Visionen und Handlungsanleitungen führen“. Kein Zweifel, für ethisch-soziale Fragestellungen sorgt dieses Drama, das wie schon Siegerfilme in Vorjahren junge Frauen in den Fokus rückt, diese jedoch weder zu Kunstfiguren verzerrt noch in Watte taucht.

Blicke hinter die Kulissen

Das Sozialdrama, entstanden in bloss zehn Tagen und mit Laiendarstellerinnen, gibt laut Jurypräsidentin den porträtierten jungen Frauen aus prekären Familienverhältnissen eine erstmalige Visibilität; das Ineinandergreifen ihrer Lebensgeschichten stehe als Metapher für die Vielfalt ihrer Lebensformen und Beziehungen, so Lucie Bader. Die Zuschauenden würden konfrontiert mit Szenen, die sich hinter den bekannten Kulissen abspielten und der Autor führe in eine Welt, die wir nicht erwarteten.

Und dann steht der 48-jährige Genfer Regisseur Fred Baillif mit seiner ganzen Familie auf der Bühne und spricht über sein fiktives Drama, das er mit Bewohnerinnen und Verantwortlichen eines realen Heims geschrieben und gedreht hat. Es handle von „Familie“ und frage, was es bedeutet, als junge Mädchen der Familie beraubt zu sein und im Heim Ersatz zu suchen, so Baillif. Ja, die gebeutelten Mädchen finden in der Institution eine Familie in Form eines Schutzortes, aber sie finden nicht die Liebe, die eine echte Familie bereitzuhalten hätte. Ein weiteres Scheinwerferlicht richtet sich auf die sexuellen Missbrauchserfahrungen, die Baillif als zweiten Erzählstrang einflicht. In seiner Tätigkeit als Sozialarbeiter habe er entdeckt, dass es heute noch sehr viele Opfer gebe und - noch schlimmer - schweigende Mitwisser, hält er fest.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt und sicherlich bei der Vorführung des mitreissend authentischen und impulsiven Films wird erkennbar, dass der als unbeschwert angekündigte Filmabend eine ungeahnte Tiefendimension mit Perspektiven auf hier und jetzt erlittenes Leid eröffnet. Die blanke Schweizer Realität ist im Kinosaal des ZFF angekommen. Was bleibt wohl, wenn das Licht angeht?  

 La Mif | Drama | Regie: Fred Baillif | Schweiz 2021 | 112 Min | Sprache französisch, mit Untertiteln | Weltpremiere Berlinale | Verleiher: Aardvark Film Emporium |

*Kinostart Deutschschweiz: März 2022