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136 Ebner-Eschenbach

Der Maulwurfshügel sprach zum Vulkan: ‚Du Weichling! Was tobst du und machst die Welt zum Zeugen deiner inneren Kämpfe? Auch ich habe die meinen, - wer aber hat mich jemals Feuer speien sehen?

Marie von Ebner-Eschenbach, Ein Vergleich, 1892.

Weichling! Das ist starker Tobak. Die gewaltige Frechheit eines Kleinsten über den Grössten. Die unerhörte Provokation eines Höchsten durch den Niedrigsten. Das vor­witzige Gekläff eines Pintschers vor der schweigenden Dogge.

Weichling! Wer ihn mal aus der Nähe gesehen hat, den philippinischen Mayón oder den chile­ni­schen Osorno, wer mal nahe an ihm vorbeigeflogen ist, am italienischen Etna oder am mexikanischen Popocatépetl, der ahnt, dass da ein Monster schläft, wäh­rend sich Rauchwölkchen über seinem aufgesperrten Rachen kräuseln, der sieht, dass das Ungeheuer öfter schon getobt und gespien hat, wovon seine im Flies­sen erstarrten Flanken zeugen. Nein, da ist nichts Weiches zu entdecken. Nur tödli­che Gefahr. Nicht lange ist es her, dass sie gewütet haben: am 7. Mai 2013 der Ma­yón, am 18. April 2016 der Popocatépetl, am 18. März 2017 der Ätna. Nur der Osor­no scheint in Tiefschlaf gefallen zu sein.

Weichling! Sicher ist der Maulwurfshügel weich. Wer als Kind barfuss gelaufen ist, weiss, wieviel Spass es macht, in die frisch aufgeworfene Erde zu treten, und dies im­­mer wieder, wenn der Winzling gerade ganz fleissig war. Nein, der Kläffende ist der Weichling, einer, der von sich ablenkt, indem er projiziert.

Wie so oft! Marie von Ebner-Eschenbach spielt in ihrer Minifabel mit der Perspektive. Die des Frosches erkennt im Maulwurfshügel das Gleiche wie die des Adlers im Vul­kan. Das hat Witz. Im Vergleich verschwindet die Dimension der Grösse. Die nie zu­einander reden können, scheinen nun Gleich und Gleich. Im unzulässigen Schluss de minore ad maius liegt die Komik der Fabel. Der Kleinste hat nun das grösste Maul und redet den Grossen klein. Der aber schweigt.

Wie so oft! Kläffer, Schreihälse und Wadenbeisser sind Maulhelden. Die verlorene Di­men­sion lässt sie Feuer speien, doch es ist  für den Angekläfften so harmlos wie eine Tischbombe. Die vertauschte Perspektive macht sie grössenwahnsinnig, doch ihr Ge­­­­bell, so wütend es tönen mag, verhallt wie Theaterdonner.

Wie so oft! Die Dichterin lässt ihren Kleinen durchaus etwas Grosses sagen. In der verlorenen Dimension und in der vertauschten Perspektive kommt eine Wahrheit ans Licht. Der Vulkan, der im Ausbruch sein Inneres nach aussen kehrt, verkündet aller Welt, dass es in ihm brodelt. Er macht, indem alle sich ihm zuwenden, alle zu Zeu­gen seiner inneren Kämpfe. Er zwingt sie geradezu, sich mit seinen Intimitäten aus­einanderzusetzen. Er macht sie zu Voyeuren seines Innenlebens.

Wie der Präsident, der unentwegt seine hundertvierzig Zeichen ejakuliert und sich täglich vor der Welt mit Intimitäten prostituiert, der sein Inneres nach aussen kehrt, sich freiwillig entblösst und sich unfreiwillig fortlaufend Blössen gibt, der schamlos und tob­süch­tig wirkt wie das Ungeheuer, das seine Eruptionen nicht in den Griff be­kommt. Marie von Eb­ner-Eschenbach sagt ihm in hundertsechzig Zeichen, dass er sich ruhig für den Gröss­ten und Höchsten halten darf, in Wahrheit aber, seine Aus­würfe bezeugen es, ein Weichling ist. Sie hingegen, im Vergleich zu ihm nur ein Maulwurfshügel, zu­dem eine Frau, überdies tot, sagt ihm heute vornehm, erzogen und gebildet, dass gross ist, wer seine intimen Kleinkariertheiten für sich behält.

So wäre denn, in der Dimension und Perspektive des Fabulierens gesehen, der schweigende Maulwurfshügel in Wahrheit der Grösste und der keifende Vulkan in Wahrheit der Kleinste. Verkehrte Welt, wie so oft.

26.07.17