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129 anonym

No importa de dónde eres, estamos contentos que seas nuestro vecino. / No matter, where you are from, we’re glad you’re our neighbor. / Egal, woher du kommst, wir sind froh, dass du unser Nachbar bist.

Tafel in Vorgärten, Pittsburgh PA, North Highland Road; amerikanisch 2017.

Eine Woche lang wohnte ich kürzlich auf dem Campus des Pittsburgh Theological Se­minary. An einer internationalen Ta­gung nahm ich teil. Theologinnen und Theolo­gen aus drei Kontinenten. Einheimische Kirchenverantwortliche aus Pennsylvania wa­­ren auch einge­laden. God in the Neighborhood war das Thema der offenen Teile.

Vorher, nachher, auch zwischendurch streifte ich durch die Stadt. Etwas kleiner als Zü­rich ist sie, die Stadt der Stahlkocher war sie, total erneuert inzwischen. Von sehr reich zu ziemlich arm verläuft eine steile Kurve durch Pittsburgh und seine Quartiere. Leute mit Wurzeln in allen Erdteilen be­gegnen einem, nicht nur in Problemvierteln, auch auf der viktorianisch-idyllischen North Highland Road, an der das Seminary liegt und einige hundert Meter weiter der Coffeeshop, in dem ich jeden Morgen mein Früh­stück nahm.

Schnell fielen mir die kleinen Tafeln auf. Sie staken auf kurz geschorenem Rasen oder auch zwischen herrlichen Blumen im Beet. Auf grünem Grund stand der spani­sche Satz, auf blauem der englische, auf gelbem wohl derselbe Satz auf Arabisch, aber den kann ich nicht lesen. Eine politische Manifestation! Die spanische Version bezieht sich nicht nur generell darauf, dass die Hispanics in den U.S.A. von 0.6% im Jahr 1850 auf 16.3% im Jahr 2010 zugenommen haben, im Jahr 2020 rechnet man mit 19.1%, sondern aktuell auch auf die Mauer, die der gegenwärtige Präsident zur Ab­schottung vom Süden errichten will. Die arabische Version bezieht sich nicht nur ge­nerell darauf, dass etwa New York City keine Stadt der Weissen mehr ist, seit 2010 mit 27.5 Hispanics, 25.1% Blacks und 11.8% Asians vielmehr eine nichteuropäische Mehr­heit hat, sondern aktuell auch auf das Einreiseverbot des gegenwärtigen Prä­si­denten für Menschen aus sieben arabisch schreibenden Staaten mit mehrheitlich islamischer Religion. Eine politische Manifestation! Krisenzeichen mitten im viktoria­ni­schen Idyll.

Neighbor, Neighborhood, Nachbarschaftlichkeit. Sicher ist das eine neue Kardinaltu­gend in Zeiten fortgeschrittener Mobilitätv und Medialität. Ein ethisches Bekenntnis! Ebenso sicher ist es aber auch das uralte Gebot des Paulus: For the entire law is fulfilled in keeping this one com­mand: Love your neighbor as yourself. (Gal 5,14) Die gute, alte Nächstenliebe ist heute auch Nachbar­schaftsliebe, denn auch der Neigh­bor ist der Nächste, so jedenfalls in der New International Version NIV von 2011. Der Nächste, den man sich frü­her schon nicht aussuchen konnte, weil man mit ihm ver­wandt war oder weil er schon vor einem da war, den kann man sich auch heute nicht aussuchen, selbst wenn er erst gestern gekommen ist. Ge­bot und Tugend gelten, no matter, where you’re from. Sie gelten, no matter, who ‘s president right now. Sie ste­hen über Gesetzen und Wahlen wie die Päambel der amerikanischen Unabhängig­keitserklärung vom 4. Juli 1776: Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit. Ein ethisches Bekenntnis!

No importa, de dónde eres: Leben, Freiheit und Bestreben nach Glückseligkeit sind unveräusserliche Rechte. Die kleinen Tafeln in manchen Vorgärten manifestieren und bekennen dies, auch gegenüber dem gegenwärtigen Präsidenten. Übrigens: Auf dem Campus stak keine solche Tafel.

05.07.17