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96 Döndrub Gyel

Unter den geliebten Bildern der Erinnerung in meiner Seele, die der Regen der Zeit nicht auslöschen und die Stürme der Monate und Jahre nicht zerstören konnten, ist das Bild des schmalen Pfades unterhalb des Dorfes. Warum nur? Weil dieser schma­le Pfad die Verbindung zu meiner Heimat ist. Viele Generationen haben über Jahr­hun­derte hinweg mit ihren unzähligen Fussspuren ihre Geschichte in diesem Weg­stück hinterlassen.

Döndrub Gyel, Der schmale Pfad, tibetisch, 1984

Gerade waren wir in der Mongolei. Hatten driver und guide organisiert und waren mit dem 4WD unterwegs. Durch die Mitte des Landes, hinauf in die Taiga beim Khövs­göl, dem gros­sen See, und hinüber durch Waldsteppe und Grasland, immer Richtung We­­sten, bis wir nach Salzsteppe und Gobi den Altai vor uns hatten, das grosse Ge­birge. Oben Kühle und Glanz ewigen Firns, unten Hitze und der Glast ewigen Staubs. Wege aber? Strassen gar? Oder Schilder? Nein, es waren fast im­mer nur zwei Rillen, de­nen un­ser Fahrer folgte, zuweilen auch sechs oder acht, zwi­schen de­nen er rasch wählte, gele­gentlich auch mal nichts, bis wieder zwei Ril­len erkennbar wurden. So ging es durch ein weites, offenes, stilles Land, des­sen mythisches Profil uns in sei­nen Bann zog. Die Fülle der Leere. Wegweiser waren sehr selten. Der Fah­rer orien­tier­te sich an Formationen von Bergen und an Sy­­stemen von Flüssen. Der Son­nen­stand zeigte die Windrichtun­gen. Begegnungen mit anderen Fahrern brach­ten ihm Informationen über durchquer­bare Flüsse und fort­gespülte Wege. Nomaden mit Jur­ten und Herden gaben mit erhobener Hand un­ge­fäh­re Richtungen an.

Eine Welt ohne Highway, ohne Magistrale, ohne Boulevard, ohne Promenade. Spu­ren sind hier wertvoll, Fussspuren und Pfade. Eine Welt ohne Billboards, ohne Leitsy­stem, ohne public viewing, ohne elektronische Berieselung. Sprache ist hier wertvoll, Hinweise und Warnungen. Orientierung ohne Delegation an Hilfsmittel oder Autoritä­ten: Sonne statt Ampel, Berge statt Karten, Flüsse statt Schilder. Das Unauslöschba­re und Unzerstör­ba­re statt aktueller Technik und moderner Elektronik. Erinnerung an Generationen und Jahrhunderte statt Hörigkeit gegenüber aktuellen Verwaltungen und Regierun­gen. Mal gab es zwar eine geschobene Strasse ohne Teer, aber in einem derart durchlöcherten und halsbrecherischen Zustand, dass jeder sich wie eh und je seinen Weg über die Wiese suchte. Mal gab es gar eine breite Teerstrasse mit Am­peln, doch deren Farben beeindruckten niemand.

Der Pfad, an den sich hier ein Tibeter im Exil erinnert, ist wertvoll, denn er ge­hört in seine Seele: der schmale Pfad unterhalb des Dorfes. Mitten in der grossen Leere, ob im alten Tibet oder in der alten Mongolei, die beide dieselbe Religion teilen, gibt es die­se besonderen Wegmomente: eine Schlucht, einen Pass, ein Dorf. Dann verjün­gen sich die vielen Rillen auf zwei einzige. Mensch und Tier gehen nicht mehr irgend­wo, son­dern müssen hier durch und vorbei. Wege bieten Orientierungen. Sie helfen durch die Schlucht, eröffnen auf der Passhöhe neue Horizonte, führen zu einem Dorf mit Wasser, Nahrung, Sicherheit. Generationen haben sie benutzt, deren Fusspuren sind ihnen eingeprägt, Jahrhunderte haben sie überdauert.

Auf jeder Passhöhe in der Mongolei steht ein Ovoo: der kleine Hügel aus Steinen, den man dreimal im Uhrzeigersinn umkreist, auf den man einen weiteren Stein wirft oder an dem man etwas abgelegt, einen Schafsschädel, ein paar Banknoten. Vor je­dem Dorf in Ladakh steht ein Tschörten: die Stupa der fünf Elemente, die man drei­mal im Uhrzeigersinn umkreist, dankbar, den Pfad gefunden, die Gefah­ren überwun­den und die Reise geschafft zu haben. Welche Pfade sind wertvoll in der Welt des Schilderwalds, der Ver­kehrsleitsysteme und des Global Positioning Systems?

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