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95 Munro

Schaut, sagt sie, also schauten wir, und oben über der Tür begann sich dieses Ding zu rühren. Es schabte den Kokon einfach aus, zog und arbeitete an der Innenseite, wurde müde und hörte auf und ging wieder an die Arbeit. Es brauchte eine halbe Stun­de, vielleicht vierzig Minuten, und wir hören nicht auf zuzusehen. Dann sahen wir den Schmetterling herauskommen. Es war, als ob der Kokon einfach nachgab, abfiel wie ein alter Lappen. Es war ein gelber Schmetterling, ein kleines geflecktes Ding. Seine Flügel waren ganz mit Wachs verklebt. Er musste ziemlich arbeiten, um sie loszukriegen. Arbeitet an dem einen, macht ihn frei, schwingt ihn hoch. Arbeitet weiter am anderen. Kriegt ihn hoch, fliegt ein Stückchen. Mama sagt: ‚Seht euch das an. Vergesst es nie. Das habt ihr an Ostern gesehen. Vergesst es nie.‘ Ich habe es jedenfalls nie vergessen.

Alice Munro, Kleine Aussichten, englisch 1971

In ihrem einzigen Roman erzählt die kanadische Nobelpreisträgerin die Geschichte einer Tochter und ihrer Mutter. Lives of Girls and Women. Kleinstadtgeschichten, Le­ben in der Provinz, eine Biographie mit kleinen Ereignissen. Dieses ist eines. Man könnte es auch übersehen oder einfach an ihm vorbei­ge­hen. Alice Munro nicht, sie verweilt. Sie sieht hin. Ihr Roman ist die minutiöse Sammlung vieler über­sehbarer Mi­niaturen. Ein Herbarium des Besonderen mitten im Gewöhnli­chen.

Nichts Spektakuläres passiert da, aber eine grosse Arbeit geschieht! Ein unbedeu­ten­des Ding bewegt sich da, namenlos und un­bekannt, ein kleines geflecktes Ding nur, aber es gehört zu Ostern! Hier wird jene Arbeit getan, die Ostern bedeutet: eine Me­ta­morphose in der Sprache des Wissens, eine Auferste­hung in der Sprache des Glau­bens. Die Verbindung aber von Metamorphose und Auferstehung, von Wissen und Glauben, hat die Mutter hergestellt: Vergesst es nie. Das habt ihr an Ostern ge­sehen. Alice Munro hat es nicht verges­sen. Das Ding und seine Arbeit sind zum Gleichnis und zur Erinnerung geworden. Überraschendes tut sich auf.

Das erste: Um von Auferstehung reden zu kön­nen, braucht es nichts Mirakulöses oder Spektakuläres. Das Mysterium, das sie ist, das göttliche Geheimnis näm­lich, dass aus Tod Leben wird, ist weder übernatürlich noch aussergewöhnlich. Es begeg­net oben an der Tür. Man kann vorbeilaufen und es übersehen. Schaut man aber hin, so ist es da und bewegt. Der Schöpfer hat es in seiner Schöpfung vorgesehen, das Geheimnis des Lebens, das im Fall des Schmetterlings mit einer Metamorphose verbunden ist. Schon immer ist er, bis er fliegen kann, das Ergebnis mehrerer Ver­wand­lun­gen. Auch der Mensch, sagt Munros Mutter. Zu seinem Leben gehören Ver­wandlungen, die aus Totgeglaubtem ganz natürlich und gewöhnlich Lebensvolles ma­­chen. Das Natürliche ist im Glauben der Ort des Ge­schaf­fenen, das Gewöhnliche der Ort des Geheimnisses. Schauen muss man, und nicht vergessen.

Das zweite: Auferstehung ist kein Widerfahrnis, dem man passiv ausgesetzt ist und das mit einem geschieht. Auferstehung ist Arbeit, die der Auferstehende tut. Kei­ne Lei­stung im Sinn moralischen Wollens oder ästhetischen Könnens. Einfach Ar­beit, die getan werden muss wie Wohnungsputz oder Abwasch. Das kleine Ding hat zu tun, bis es raus ist aus der Puppe und die Flügel flugbereit gespannt sind. Aufer­ste­hen zu können ist die Anlage der Schöpfung, Auferstehen zu erleben ist die Arbeit des Betroffenen. Auferstehung ist Lebensarbeit.

Das dritte: Alice Munro liest im Buch der Natur und des Wissens wie im Buch der Bi­bel und des Glaubens. Sie tut es gleichzeitig und ohne Widerspruch. Mit dem Gewinn eines lebensvollen Gleichnisses, solange Geschautes unvergesslich ist. Schauen muss man, und nicht vergessen. Lebensarbeit.

 95 / 15.7.16