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94 Samphel

Tsongpön Norbu Sangpo schreckte hoch. Er rief, er schrie, er brüllte. Doch keiner aus seiner Familie wachte auf. Er eilte in seinen Gebetsraum und murmelte inbrün­stig Gebete. Er betete zu Tshenresi, dem Gott des Erbarmens, er betete zu Dolma, er flehte zu Yama, der ihm im Traum erschienen war. Alle Götter rief er an, an deren Namen er sich erinnerte. Er bat um Gnade und Mitleid. / Aber welcher Gott würde sei­ne Gebete hören? Seine Götter hatte er alle verkauft. Sein Altar war leer.

Thupten Samphel, Der letzte Gott, englisch 1980

Das Ende einer Geschichte! Tsongpön Norbu Sangpo ist aus Tibet geflohen. Im ne­pa­lesischen Kath­mandu baut er ein Antiquitätengeschäft auf. Er verdient gut, wird dick und rund dabei. Gerade hat er an einer Götterstatue, seiner letzten, die er an einen deutschen Touri­sten verkaufen konnte, überraschend gut verdient. Nun er­mahnt er sei­ne Kinder zu religiö­ser Sittsamkeit, dankt den Göttern und geht zufrieden ins Bett. In der Nacht aber er­scheint ihm Yama, der tibetische Totengott, und schilt ihn heftig: Du verehrst die Götter, aber verkaufst sie. Wie konntest du dich nur in die­ser Heuchelei gemütlich einrich­ten? Yama wird immer zorniger und hängt ihm zu­letzt eine Reihe von Flüchen an den Hals. Mitten in de­ren Steigerung aber schreckt Tsong­pön Norbu Sangpo aus dem Schlaf.

Das Ende einer Welt! Verzweifelt ruft, schreit, brüllt er. Du hast deine Welt verkauft, sagt Yama. Mit der letzten Götter­sta­tue gingen auch die letzten Werte über den La­den­tisch. Dem, der sein Land einst verlassen musste, geht nun mit den Göttern auch seine Kultur verloren. Jetzt steht er religionslos und kulturlos dar. Er hat alles verhö­kert. Als ihm aufgeht, was er getan hat, tut er zwar, was ihn Religion und Kultur einst gelehrt hatten: Er bittet Tshen­­resi, den Boddhisattva der Barmherzigkeit, doch er ist weg, Dolma, die Göttin der Liebe, die aus einer Träne Tshenresis hervorgegangen ist, doch sie ist ebenfalls weg, ja so­gar Yama, der ihm im Albtraum so bedrohlich er­schienen ist, aber auch er ist jetzt schon nicht mehr da. Sein Altar ist leer. Seine In­brunst ver­glüht folgenlos. Von allen guten Geistern verlassen ist er.

Das Ende eines Lebens? Der Mensch könne ohne Götter leben, behauptet die Welt jenes Deutschen, der Tsongpön Norbu Sangpos letzte Statue erworben hat, viel­leicht, um sein Wartezimmer mit ihr zu dekorieren. Oder doch eher sein Badezim­mer? Die gute Stube? Der Mensch verliere, sobald er aufgeklärt sei, den Bedarf nach Religion und brauche sie nicht mehr, wie ein Erwachsener, der den Teddy seiner Kin­derzeit nicht mehr braucht, ihn aber irgendwo als Souvenir aufbewahrt. Religion sei Privatsache, behauptet die Welt des Westens, und überlässt es dem Individuum, wie er es halten will mit den Göttern: Verkaufen und zu Geld machen? Als Erinnerungs­stück irgendwo aufheben? Zur Dekoration ausstellen?

Ende! Samphel, der Erzähler, der in Lhasa geboren ist, in New York studiert hat und für die Exilregierung Tibets in Indien arbeitet, erzählt das Ende! Mit seinen Göt­tern ver­kauft der Mensch auch sich selbst. Wenn sein Altar leer ist, ist auch sein Herz ver­waist. Der Ausverkauf der Religion führt zur Entseelung des Lebens. Religion zu ver­hö­kern, bedeutet auch, Werte zu verramschen. Wie er aber, um leben zu können, auf Essen und Trinken nicht verzichten kann, auch nicht auf Sicherheit und Sexuali­tät, so kann der Mensch, um leben zu können, auch nicht auf Religion verzichten. Wie auch immer er heisst, ohne Sehnsucht nach Gott, die er in sich trägt, und ohne einen Gott, der ihn souverän anspricht, ist der Mensch nur mehr ein Schatten seiner selbst. Gott ist kein Requisit, kein Souvenir, kein Accessoire, kein Surplus. Er ist, ob geliebt oder ge­hasst, ob figürlich oder abstrakt, ob gut oder böse, die Fülle des Lebens. Die Leere der Altäre aber ist die Leere des Lebens.

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