Message

93 Gyel

Gibt man einem schlechten Hund eine hohe Stellung, wird er am Ende versuchen zu fliegen.

Tagbum Gyel, Aufzeichnungen eines Hundehalters, tibetisch 2006

Gyel ist Tibeter, in einer Familie von Nomaden geboren, im Grasland zu Hause. Er lebt aber unter der Hegemonie der Chinesen, hat wie Sesshafte studiert und kennt die Soziologie der Stadt. Seine Aufzeichnungen sind eine ironische Abrechnung mit dem Regime: Sagt man Hapa, so meint man damit in manchen Gegenden einen ganz bestimmten Hund. Bei uns ist der Hapa jedenfalls kein wilder oder gar mutiger Hund, wie ihn die Noma­den halten, sondern ein kleiner, gedrungener und flauschiger Pekinese mit fla­cher Na­se, eingedrücktem Gesicht und vier dicken Beinchen, der in Häusern und Hö­fen lebt. Solch einem Hapa geht die Kämpfernatur eines Mastiffs ab, und er hat auch nicht den Mut, Diebe und Räuber zu stellen. Wenn aber Gäste kom­men, meldet er dies gehorsam, und zur Mittagsruhe gesellt er sich gern zu seinem Herrchen. Die Eingangssätze lassen ahnen, was passiert: Der Hapa buckelt und die­nert sich nach oben. Er wird zum gefälligen Hofschranzen des Systems und übertöl­pelt schliesslich seinen geblendeten Herrn. Der Hund als Herr, der Herr als Hund. Das mag ein Wech­­sel sein.

Was Gyel meint, wird in Ländern sichtbar, wo Regimes der Buckelei inzwischen ge­scheitert, deren Blendwerke aber noch zu sehen sind. In der Mongolei etwa: Nach Ta­gen in der Weite der Grassteppe mit ihren stolzen No­ma­den und deren frei wei­den­den Herden plötzlich eine Stadt, in der jeder Besitz me­ter­hoch eingezäunt ist von Holzlatten, so dicht gefügt, dass kein Spalt verrät, was da­hin­ter ist. Sieht man es plötz­lich doch, ist es nichts als eine einsame Jurte in einem ungepflegten Geviert. Nach Tagen in der Wildnis, mit einer Blumenpracht, die ihresgleichen sucht, und einer Vogelwelt, die Freiheit ahnen lässt, plötzlich martialische Denk­mäler, deren Pa­thos zur Groteske wird auf Plätzen, wo längst aus allen Ritzen Gras wächst und noch das Wasser des letzten Regens fault. Oder in Kir­gistan: Das Rad inmitten des Dachs der Jurte hat es zwar als Symbol in die Staats­flagge ge­schafft, doch Regierungsge­bäu­de plustern sich noch immer monumental, und grosse Plätze trauern Aufmär­schen des Regimes nach. Am Wochenende strömen die Städter aufs Land, um in ih­ren Jur­ten Stutenmilch zu trinken und auf ihren Pferden Ungebundenheit zu genies­sen, doch unter der Woche herrscht ein autokratisches Regime.

Vom Wahn hochgedienerter Hunde, nun gar noch fliegen zu können, künden Gigan­tomanie, Martialität und Pathos. Nicht allein in Asien sind sol­che Blendwerke zu se­hen. Dort fehlen nur die Mittel, die Groteske zu ver­bergen. Blät­tern­de Farbe, rosten­der Guss, gerissene Fundamente unterstreichen augenfällig die Absurdität. Das tibe­tische Sprichwort, das Gyel in seine Aufzeichnungen flicht, gilt überall: Hoch und schlecht passen so wenig zueinander wie gut und niedrig. Das eine ist lächerlich, das andere ungerecht. Das eine wird fallen, wie zur Komödie die Fallhöhe des Absurden und Grotesken gehört, das andere aber bleiben, wie die Metamor­phose zum Schmet­terling die Geduld von Raupe und Puppe belohnt.

Gegenläufig dazu, dass schlechte Hunde in hohe Stel­lungen geraten, weil sie zu die­nern und zu buckeln verstehen und Geschmei­chel­te und Verwöhnte sich nur zu ger­ne blenden lassen, die Erwartung des Mes­sias: Er, der doch von gött­li­chem Wesen war, hielt nicht wie an einer Beute daran fest, Gott gleich zu sein, son­dern gab es preis und nahm auf sich das Dasein eines Sklaven, wurde den Men­schen ähnlich, in seiner Erscheinung wie ein Mensch. (Phil 2,6-7). Welche Freiheit! Der Herr ein Knecht, der Knecht ein Herr. Das mag ein Wechsel sein.

93 / 14.7.16