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92 Bärfuss

Ich fand einen Begriff für jenes Gefühl, das mich seit dem Tod des Bruders gefangen hielt, und ich nannte das Gefühl Einsamkeit. Ich fand sie bald in allem, nicht nur im Le­ben des Bruders. In jedem Leben, in meinem eigenen. In den Leben, die ich teilte und betrachtete. Ich erkannte in der Einsamkeit den Preis und die Strafe, ich sah, wie diese Einsamkeit zunahm unter meinen Freunden. Ich erkannte darin die Krankheit meiner Zeit, die Ursache des Unglücks, das jeder, der ein offenes Herz hatte, empfin­den musste. Am Ende war jeder allein, das spürte ich, und ein Ende gab es alle Ta­ge.

Lukas Bärfuss, Koala, 2014

Es ist wohl so hart, wie es klingt: Manchmal muss einer sterben und mir plötzlich feh­len, dass ich mich endlich frage, wer er eigentlich ist, nein, wer er war. Eine fatale con­­­secutio temporum, eine schicksalhafte Zeitenfolge. Was jedem pas­sie­ren kann, ist auch Lu­kas Bärfuss passiert: Sein Bruder ist gestorben. Nun erst fehlt er.

Im­merhin widmet der Schriftsteller dem fremd gewordenen und auf einmal verlo­re­nen Bru­der einen ganzen Roman: Koala, nach dem Pfadfindernamen, den dieser in sei­ner Ju­­gend bekam. Immerhin reist er mit dem spät erkannten Koala auf die andere Seite der Welt, um downunder zu verstehen, wer er ist. Immerhin mutiert der Roman un­ver­sehens zur australischen Besiedlungsgeschichte, bevor er ebenso wundersam über Koala wieder zurückkehrt in den Kanton Bern und in die Altstadt von Thun. Eine Weltreise und eine Zeitreise aus Einsamkeit. Bärfuss geht jenem nach, weil jener ihm nach­geht.

Doch das Gefühl mit Namen Einsamkeit bleibt. Es geht mit durch Raum und Zeit. Ein Grundgefühl des Lebens, die Einsamkeit, die sich in allem findet. Eine condition hu­maine, die Einsamkeit, die mehr ist als die Feststellung des Alleinseins, vielleicht so etwas wie ihre verzweifelte Aneignung. Zuerst die Befangenheit, zu spät bemerkt zu haben, dass da mal einer war, und dann die Gefangenschaft im Gefühl, dass nicht all­­ein jenes Leben einsam gewesen war und dieses Leben nun die Einsamkeit spürt, sondern auch das Bewusstsein, dass alles Leben einsam ist, in sich gekehrt, wie der Koala, der vier Fünftel seines Lebens auf dem Eukalyptus verschläft.

Bärfuss nennt diese Konditionierung Preis und Strafe, doch wofür? Straft hier ein un­bekannter Gott? Fordert hier ein unerklärliches Schicksal seinen Preis? Er nennt sie Krank­heit meiner Zeit und Ursache des Unglücks, doch mit welcher Ätiologie? Infi­ziert uns hier ein unbekanntes Virus, gegen das kein Kraut gewachsen ist? Dringt ein Bak­te­rium in uns ein, gegen das im Lauf des Lebens kein Antibiotikum mehr wirkt, weil es resistent wird?

Nicht nur diese Stelle, der ganze Roman kommt ohne das berühmte höhere Wesen aus, das heute durch alle Befragungen geistert und das doch niemand kennt. Auch ohne das Wort Gott, das überall durch religiöse Traditionen vorgegeben wäre, auch bei den au­stra­­lischen Aborigines. Es ist geradezu die göttliche Leerstelle, das myste­riöse Fehlen, das divine Nichts, das diesen Roman durchtränkt. Eine Weltreise und eine Zeitreise, in der er nirgends auftaucht und gerade deshalb bedrückend präsent ist: als Einsamkeit. Als wäre sie immer dort spürbar, wo er gerade nicht mehr ist: die Einsamkeit des Lebens als Fussabdruck eines fortgegangenen und nun fehlenden Got­tes.

Die Götterdämmerung entpuppt sich als Lebensdämmerung. Erst nach seinem Ver­schwinden dämmert dem Menschen, dass da mal einer war, vielleicht gar ein Bruder. Doch in der Leerstelle sitzt nun die Einsamkeit des Lebens. Vielleicht liesse sich der Roman in einem Satz zusammenfassen: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Ps 22,2; Mt 27,46)

92 / 2.6.16