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91 Öser

Zeit ist in Tibet ohnehin etwas anderes. Sie kann sich biegen, Anfang und Ende kön­nen wie bei einem Stück Draht zu einem Kreis geschlossen werden. Sie kann auch wie ein dünnflüssiger Joghurt auf den Boden tropfen und dort versickern.

Tsering Öser, Erinnerungen an eine mörderische Fahrt, chinesisch, 2003

Zeit in Tibet. Ich kann sie mir vorstellen. In Ladakh habe ich Landschaften und Dör­fer gesehen, besonders natürlich Klöster, in denen die Religion alles durchdringt. Auf je­dem ex­ponierten Punkt, einer Passhöhe, einem Flussübergang, einer Anhöhe, we­hen unzählige Fähnchen in blau, rot, gelb. Immer wieder begegnet man Mani-Stei­nen mit schön geritzten Mantras, meist das om mani padme hum, an Wegkreuzun­gen, bei Klosteranlagen, irgendwo, nicht selten zur Kette gereiht oder zu langen Ma­ni-Mau­ern aufgeschichtet. Vor allem Tschörten in allen Grössen, die gekalkten Stu­pas der Ti­beter, die man dreimal im Uhrzeigersinn umrundet, keine Siedlung ohne sie.

Zeit in Tibet. Sie ist religiöse Zeit. Sie läuft nicht geradeaus, peilt nicht pfeilgerade an, folgt kei­nem global positioning system, sondern dreht sich im Uhrzeigersinn, perlt wie der hun­dertachtgliedrige Rosenkranz, schliesst Anfang und Ende zu einem Kreis. Re­­­li­­giöse Zeit kreist. Wiederholung ist ihr Wesen, Repetition ihre Übung, Zyklus ihr Sinn. Im Rad bildet sich das Leben achtfach ab, ob im Dharmachakra, dem Rad der Lehre, oder im Samsara, dem Rad der Wiedergeburt. Die Mühle mahlt mir meine Man­­tras, sooft ich ihr beim Umgang einen liebevollen Schubs gebe.

Zeit in Tibet. Ich sehe sie vor mir. Wenn im Kloster die Dung erklingt, das Muschel­horn mit sei­nem alphornartigen Ton, von der hohen Mauer übers Tal und hinüber zu den Sechs­tau­sendern, wenn bei einem Empfang Tsampa aus gerösteter Gerste und Tee mit Butter gereicht werden, keine Frage, ob geniessbar oder ungeniessbar, son­dern alltägliche Nahrung, wenn in der Jurte mit Stutenmilch begrüsst wird und die wert­­volle Schnupftabaksdose des Familienoberhaupts kreist, dann ist Zeit religiöse Zeit.

Zeit in Tibet. Profane Zeit gibt es dort erst an zweiter Stelle, notgedrungen und zwangs­­wei­se, für manche nie. Religiöse Zeit durchtränkt das Leben im Samsara wie dünn­flüssiger Jo­ghurt den Boden. Der Boden in Tibet, und damit ist das riesige Sied­lungs­gebiet der Tibeter gemeint, aber auch das Gebiet des tibetischen Buddhismus in der Mongolei, dieser Boden ist durchtränkt von religiöser Zeit. Was von ihr dort wäh­rend rund zwölf­hun­dert Jahren versickert ist, hat Böden gedüngt und Landschaf­ten ge­prägt. Es gibt sie, die religiösen Landschaften, in denen es so tropft. Wer Re­ligi­on hat, sieht sie. Wer sie nicht sieht, habe Religi­on. Frei nach Goethe.

Zeit in der Welt. Biegsam und dünnflüssig kann sie plötzlich heilige Zeit sein. Ge­tränk­te Erde, ewiger Umgang, ge­sättigtes Leben. Im alten Israel haben manche Pro­pheten sie gelegentlich gesehen: Vor euch werden die Berge und die Hügel in Jubel ausbrechen, und alle Bäume des Feldes werden in die Hände klatschen. Wacholder wird spriessen statt der Dornen, Myrte wird spriessen statt der Nessel. (Jes 55,12-13) Wer mit der Zeit in der Zeit rechnet, erlebt religiöse Landschaften. Ob in Tibet oder an­derswo. Höch­stens dass sie dort eine besonders augenfällige Möglichkeit ist, mög­lich ist sie aber überall. Vorausgesetzt, einer wird so biegsam und dünnflüssig wie diese Zeit. Voraus­ge­setzt, einer traut dem Möglichen mehr als dem Wirklichen. Vor­aus­gesetzt, einer hat Religion.

Zyklische Zeit hebt lineare Zeit nicht auf, gibt ihr aber Tiefe und Höhe und Weite, macht sie mehrdimensional, sickert in sie ein und rundet sie ab.

91 / 1.6.16