Message

90 Alai

Eine konkrete Gestalt nahm das Ziel meiner Sehnsucht nicht an, nur zwei grobe Rich­tungen. Da war einmal der Südosten: In diese Richtung brauste weiss schäu­mend und immer mächtiger anschwellend der Tsomo-Fluss. Und dann war da noch der Nordwesten: Dort, hinter den zackenförmig aufragenden schneebedeckten Gi­pfeln, lag das weite Grasland von Songpan.

Alai, Ferne Quellen, chinesisch, 2002

Der Tsomo-Fluss, wo fliesst er? Das Grasland von Songpan, wo liegt es? Die Suche führt in den Nordwesten der chinesischen Provinz Sichuan. Dort leben Tibeter, wie Alai einer ist. Dort liegt das Land, das Alai aus eigener Kenntnis beschreibt. Dass er seinen Roman auf Chi­nesisch schreibt, obwohl er ihn auch auf Tibetisch schreiben könnte, darf man be­reits als Teil seines Plots verstehen: In ihm treffen eine stille alte Welt und eine vorlaute neue Welt auf­einander. Eine alte Welt, für die Fluss und Gras­land ste­hen, auch Gongba, der Hirt, der aus­ser­halb der Siedlung lebt, auch die fer­nen Quel­­len, von denen er dem jungen Alai erzählt: Die alte Welt der Tibeter ist dies, heu­te Alais verstummte und verlorene Welt. Und eine neue Welt, für die Kolchosen und Brigaden stehen, auch Tscham­­pa, der Ju­gend­­freund von einst, der als Kader Kar­riere macht und Alai nach Jahren wieder begegnet, auch die Zerstörung der fer­nen Quellen durch eine missratene Kuranlage, die nie­mand nutzt: Die neue Welt der Chinesen ist dies, heute Alais tonangebende und gewonnene Welt. Rückschritt und Fortschritt, Einst und Jetzt. Die Frage stellt sich, ob ihm die Sprache der Mutter zu wertvoll ist, um diesen Verlust zu er­zählen? Oder die Sprache der Sieger gerade recht, um diesen Gewinn zu be­dauern?

Wasser jedenfalls ist für den jungen Alai das Medium seiner Sehnsucht. Woher kommt der Fluss, der irgendwo hinter den schneebedeckten Gipfeln entspringt? Der immer grösser und gewaltiger schäumt und schwillt, wo­hin fliesst er? Sehnsucht über­schreitet den Gesichtskreis, trans­­zen­diert den alltäglichen Horizont, ver­mutet Ge­heim­nis­se hinter dem Sichtbaren, das dem Woher und Wohin wie so oft im Wege steht. Sie ist auch ein religiöses Phänomen, die Sehnsucht. Was Libido für den Ge­schlechtstrieb ist oder Hunger für den Ernährungstrieb oder Schutz für den Siche­rungstrieb, das ist Sehnsucht für den Religionstrieb. Auch sie kann weder mit einem Mal noch für alle Male gestillt werden. Auch sie ist ein ewiges Ge­schäft, ein perpetu­um negotium, wie die Taufe bei Luther. Auch dort fliesst es und hört nie auf zu flies­sen, das Wasser des Lebens.

Bereits der Jugendliche flieht den Kolchos und sucht den Hirten auf, Gongba, der dort war, wo der Fluss entspringt, bei den fernen Quellen. Ihr Wasser könne heilen, erzählt er. Der Junge wandert tatsächlich allein auf die Passhöhe, von wo er das Grasland sieht, aber bis zu den Quellen kommt er nicht. Was der Vierzehnjährige nicht sieht, erlebt der Vierundzwanzigjährige: die heissen Quellen, die Erotik nackten Badens, den Zauber unberührter Landschaft. Was aber der gealterte Mann dort sieht, entzaubert die Vorstellung und besiegelt die Erstarrung: Der Ehrgeiz Tscham­pas, einst Jugendfreund und jetzt Karrierist, hat den Inbegriff seiner Sehnsucht zer­stört. Die fernen Quellen gibt es nicht mehr. Nun sind sie mit Plakaten beworben und in Beton gefasst, entzaubert und ver­marktet, geschändet und ver­hunzt.

Alai beschreibt, wie menschliche Sehnsucht objektiviert und domestiziert, ideologi­siert und institutionali­siert wird. Religiöse Institutionen, denen die Sehnsucht nicht mehr anzusehen ist, aus der sie hervorgegangen sind, verlieren ihren Charme. Glau­bensaussagen, denen das Feuer nicht mehr abzuspüren ist, das zu ihnen geführt hat, lassen einen kalt. Wasser, das nicht mehr fliesst, heilt nicht.

90 / 27.5.16