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89 Zollinger

Der Auferstandene Und Er war überall, / Die erstorbene Erde / Lebte mit einemmal / Wieder von seiner schönen Gebärde! // Er ging wie ein Säer. / Der linde Wind / Kam mit dem Heitern der Hände näher / Sonderbar blind. // Das Herz spürte / Sein Mantelwehn, / An die Trä­nen der Jünger rührte / Himmlisch Vorübergehn. // In den Augensternen / Ver­tau­send­facht / Schritt er durch Fernen / Der ganz verwandelten Frühlingsnacht.

Albin Zollinger, Der Auferstandene, 1936

Auf keiner Banknote ist er zu sehen und war doch ein ganz Grosser: Al­bin Zollinger, vor allem in seiner Lyrik, die einen reich beschenkt. Keiner seiner Ge­­dicht­bände hat sich jemals gut verkauft und sind doch alle Perlen Schweizer Ly­rik: hier der Band Sternfrühe, von dem bis zu Zollingers Tod 1941 gerade mal 192 Exem­pla­re auf Inter­esse gestossen sind. Den Patrioten seiner Zürcher Umgebung war er zu soziali­stisch, den Linken zu lyrisch: in brodelnder Zeit kon­templa­tiv und scheinbar unpoli­tisch, wie hier zu Ostern 1936 in der Zürcher Illustrierten.

Scheinbar. Dieser Auferstandene ist ein Namenloser, ein Ätherischer, ein Universaler. Keine Jesusfalle schnappt zu. Ein gross geschriebener Er ist er, der allen und nie­mand gehört, über die Welt weht wie ein Wind, durch Fernen schreitet und seine Wir­kung vertausendfacht. Keine fromme Moral macht ihn klebrig. Der Menschgeworde­ne und Gottgebliebene ist überall und in Fernen, zugleich aber nah wie eine Gebär­de, wie Hände, und näher wie das Herz, wie Augensterne. Keine institutio­nel­le Ver­ein­nahmung schreibt ihn fest. Zollinger ist kontemplativ, indem er Kreuz und Aufer­ste­hung auf Pfingsten hin meditiert: Der Auferstandene verwandelt sich in die hebrä­ische ruach, das griechische pneuma, den lateinischen spiritus, der nunmehr überall weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, weisst aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. (Joh, 3,8) Zollinger ist aber auch politisch, indem er die Wirkung die­ses Winds beschreibt: Er belebt die erstorbene Erde, er rührt Menschen an, er ver­wandelt die Nacht. Dieser linde Wind bewegt und verändert.

Scheinbar. Zollinger hintergeht die landläufigen Erwartungen, das Politische könne nicht kontemplativ sein und das Kontemplative nicht politisch. Dieser Säer sät gleich beides vertausendfacht aus, die Verwandlung der Herzen und die Verwandlung der Welt. Aus einem der Cafés am Zürcher Bellevue sendet der Primarlehrer von Oerli­kon 1936 eine kontemplativ-politische Osterbotschaft aus: Wenn die Saat des Chri­stus auf­geht, werden andere Saaten, die gerade jetzt aufgehen, alt aussehen.

1936 war für die Schweiz das entscheidende Jahr der Landesausstellung von 1939. Im Februar wurde das gestaltende Gremium bestellt, im Dezember die Doktrin for­muliert, die für alle Aussteller galt: Die LA soll ein Bild schweizerischer Eigenart und Kultur, schweizerischen Denkens und Schaffens vermitteln ... Ebenso soll sie durch Be­tonung des allgemein Schweizerischen und Gemeinsamen eine eindrucksvolle na­tionale Kund­ge­bung sein. Eingeklemmt vom Faschismus im Norden und Süden übte sich die klei­ne Schweiz in geistiger Landesverteidigung. Die Patrioten erlebten ihre ho­he Zeit. Das Land mutierte von einer weltoffenen Zivilgesellschaft, die min­destens zweimal in ihrer Geschichte, mit der Reformation 1520-60 und mit dem Libe­ra­lismus 1840-70, mindestens die europäische Kultur bereichert hatte, in eine natio­nale Ge­mein­schaft, die sich fortan als Sonderfall verstand. Zollinger war ihr kontemplativ-po­litischer Kritiker. Weil er seine Heimat liebte, hasste er die Heimattümelei. Weil er fromm war, hasste er die Frömmelei. Der Geist von Ostern und Pfingsten macht in seinen Augen die ganze Welt zum Sonderfall, weil sie allen Heimat sein soll. Zollin­gers Osterbotschaft ist evangelisch und weltgewandt. Wer kauft das 193. Exemplar?

89 / 20.4.16