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88 Márai

Es genügt nicht, jemanden zu lieben. Man muss ihn mutig lieben, dass weder Diebe noch Pläne, noch Gesetze, himmlische oder irdische, etwas gegen diese Liebe aus­richten können. Wir haben einander nicht mutig geliebt …

Sándor Márai, Das Vermächtnis der Eszter, ungarisch 1939

Bei manchen Gelegenheiten, Hochzeiten etwa, wird sie unheimlich gern be­schwo­ren. In manchen Gattungen, Schlagern etwa, wird sie atemberaubend grell besungen. Von manchen Institutionen, Kirchen etwa, wird sie entsetzlich oft reklamiert: die Lie­be. Als ob es keine hohen Scheidungsraten gäbe. Als ob es keine Qua­litätskriterien für Kunst gäbe. Als ob es keine Liebeserfahrungen ausserhalb institutioneller Vorstel­lungen gäbe. Kitsch gibt es, biographischen, medialen, auch in­stitutionellen. Weich­ge­spülte Liebe, die geschönt ins Famili­en­al­bum passt, samstäglich ins Familienpro­gramm, pfarrherrlich ins Foto­shoo­ting vor der renovierten Dorfkirche, ist Kitsch, den viele verherrlichen. Bis das Le­ben ihn Lü­gen straft. Todsicher.

Eszter, Sándor Márais Titelheldin, hatte eine grosse und einzige Liebe erlebt, aber sie war einem Hochstapler erlegen. Der Roman ist ihre Aufarbeitung. Hier erzählt sie ihre Erfahrung. Ein Vermächtnis für Leserinnen und Leser soll ihr Bericht sein. Der zi­tierte Satz, der Form nach eine allgemeine Schlussfolgerung, die sie dann auch per­sönlich auf sich bezieht, ist ein solches Vermächtnis: Eszter spricht nicht von der Lie­be, die zur erhabenen Figur stilisiert wird, zur göttlichen Allegorie ver­­­bildlicht, zur phi­losophischen Hypostase erhoben, Vorgänge, die sie immer auch geeignet machen für Kitsch aller Art, nein, Eszter spricht vom Lieben als Vorgang, und sie fügt ihm ein Adverb bei: mutig muss man lieben.

Mutig ist wohl das Gegenteil von weichgespühlt. Wer liebt, muss Dieben, Plänen, Ge­setzen standhalten. Muss mutig Menschen entgegentreten, die in die Beziehung ein­brechen, Vorstellungen, die sie ausbuchen, Institutionen, die sie regulieren wollen. Muss mutig kämpfen gegen alles, was sich gegen diese Liebe ausrichten kann. Ja, sogar so mutig muss man den Geliebten lieben, dass man bereit ist, sich gegen reli­gi­öse Gesetze zu stellen. Der Mut, den Eszter fordert, geht aufs Ganze. Und das Gan­ze ist Leben oder Tod. Und beide haben eine göttliche Qualität. Mu­tig ist, wer mit Härte rechnet, himmlischer oder irdischer.

Sándor Márai lässt seine Heldin nicht ohne Absicht eine Anleihe bei Paulus machen: Ich bin mir gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mäch­te, weder Ge­gen­wärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes noch ir­gend­ein anderes Geschöpf vermag uns zu scheiden von der Liebe Got­tes, die in Chri­stus Jesus ist, unserem Herrn. (Röm 8,38-39) Wären also diese Verse nicht erst bei jener Kasualie zu lesen, die Abdankung heisst, zum Trost, wenn alle Beziehun­gen vorbei sind, sondern bereits bei jener, die Trauung heisst, zur Ermutigung, bevor die eine Beziehung richtig los­geht? Wäre also die Weise, wie Gott die Menschen liebt, ebenso mutig, wie Eszters Vermächtnis Menschen empfiehlt, wenn sie lieben? Wäre am Ende das Lieben unteilbar dasselbe, mithin eine göttliche Kraft, die Men­schen nicht nur tröstet, sondern auch ermutigt? Der Spitzensatz in der Sammlung ero­tischer Liebesgedichte, die Lied der Lieder heisst, legt dies ebenso nahe: Stark wie der Tod ist die Liebe, hart wie das Totenreich die Leidenschaft. Feuerglut ist ihre Glut, Flamme des Herrn. Gewaltige Wasser kön­nen die Liebe nicht löschen, und Strö­me schwemmen sie nicht fort. (Hld 8,6)

Mutige Liebe ist dem Tod gewachsen, weichgespülte erliegt ihm. Wer glaubt, würde Paulus sagen, kann mutig lieben. Wer liebt, würde das Lied der Lieder singen, kann mutig glauben. Eszter jedenfalls, die mutlos geliebte, empfiehlt Mut statt Kitsch.

88 / 19.4.16