Message

87 Wohmann

Seit wir nur noch wenig miteinander reden, Reinhard, erholen wir uns von Sommer zu Sommer besser. Unsere Ernährung ist reich an Vitalstoffen. Promenaden bei Voll­mond aber lassen wir besser weg. Besser, wir halten uns an das Normale. Der Pudel amüsiert uns, ein spassiger Kerl. Das Meer ist fast schön. Viel Obst, viel Überein­stim­­mung, viel Ruhe.

Gabriele Wohmann, Verjährt, 1965

Das kurze Ende einer Kurzgeschichte. Sie macht mit langen Jahren kurzen Pro­zess. Verjährt. Und kommt doch jährlich wieder, dieselbe Kurzgeschichte. Als wären Wo­chen der Ferien im Le­bens­jahr, was Wochen der Passion im Kirchenjahr sind.

Zwei ältere Ehepaare am Meer. Man kennt sich seit langem, weiss alles vonein­ander, muss nur noch auf Varianten achten. Jedes Jahr derselbe Ur­laub an dem­­selben Ort. Jedes Jahr dieselben Gänge und Vergnügen von denselben be­nach­barten Strand­hüt­ten aus. Jedes Jahr minimale Überra­schun­gen im ritualisierten Begehen einer lan­ge schon entschärften Welt. Hier ist es der Pudel, der spassige Kerl, der im öden Einer­lei lebendig ist, wäh­rend die Menschen unwirklich wirken wie Schemen im Ne­bel. Die vier langen Wochen einer furchtbaren Weile. Alle Jah­re wieder.

Die namenlose Frau der einen Strandhütte sinniert über die Nachbarn in der anderen Strandhütte. Über deren Beziehung, so aber auch über ihre eigene Beziehung. In ih­ren Augen entsteht die kurze Ge­schich­te einer langen Weile. Zwischendurch spricht sie ihren Mann an, Reinhard, der zwar einen Namen hat, selbst aber nichts sagt. Sie erwartet auch nicht, dass er etwas sagt.

Ein erzähltes Schweigen, unter dem es rumort und mottet und gärt. Ein verschwiege­nes Leben, das wurmt und bohrt und plagt. Da hatte ein Vater sein Kind über­fah­ren, der Mutter Vorwürfe gemacht, sich selbst freigesprochen. Da war eine Mut­ter dem Al­kohol erlegen und abgründigem Hass. Da hatte sich ein Mann eine jüngere Ge­liebte ge­holt, die Selbstmord beging, es blieb offen, wieso. Da hatte aber auch eine andere Mutter einen Unfall verursacht, sich in eine neue Be­­ziehung ge­flüchtet und mit die­sem anderen Mann ein Kind gezeugt, das vom eige­nen Mann im eigenen Haus dann nicht geduldet wurde. Durch die Decke des Immer­glei­chen blitzen die unentschärften Tellerminen gemeinsamer Vergangenheiten. Ver­jährt?

Nichts wird hier vergeben, und nichts geht hier vergessen. Damit keine der Minen plötzlich doch noch losgeht, wird alles gedeckelt und verhüllt. Gute Ernährung und fri­sche Luft sorgen für äusseren Ausgleich. Geteilte Rituale und diszipliniertes Schwei­gen sorgen für innere Ruhe. Diese Passion ohne Leidenschaft führt zu keinem Kar­frei­tag und zu keinen Ostern. Nichts stirbt hier, dem vergeben wäre, und nichts lebt hier, das befreit wäre. Wo aber nichts lebt und nichts stirbt, ist nur der Pudel glück­lich. Selbst das Meer ist nur fast schön. Vor allem bleibt undenkbar, was seit eh und je riskant ist: die Prome­naden bei Vollmond.

Gabriele Wohmann lässt derlei unpassioniertes und langgeweiltes Leben für normal erklären, jedenfalls für besser als jederlei Abenteuer, in dem alte Minen zum Risiko würden. Minen für entschärft zu erklären, die noch scharf sind, Geschichten für been­det zu erklären, die noch motten, Ferien für erholsam zu erklären, in denen sich kei­ne Wunde je erholt, Leben für verjährt zu halten, in dem nichts vergeben und befreit ist, ja, vielleicht ist das normal. Welchen Sinn hätte sonst die alte Verheissung: Ver­schlingen wird er auf diesem Berg die Hülle, die Hülle über allen Völkern, und die Decke, die über alle Nationen gedeckt ist. Den Tod hat er für immer verschlungen, und die Tränen wird Gott der Herr von allen Gesichtern wischen. (Jes 25,7-8a) Ganz ohne das Risiko von Tellerminen soll es also Pro­menaden bei Vollmond geben.

87 / 19.4.16