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86 Sachs

Völker der Erde, / zerstöret nicht das Weltall der Worte, / zerschneidet nicht mit den Messern des Hasses / den Laut, der mit dem Atem zugleich geboren wurde. // Völker der Erde, / O dass nicht Einer Tod meine, wenn er Leben sagt - / und nicht einer Blut, wenn er Wiege spricht –

Nelly Sachs, Sternverdunkelung, 1949


Sogar ein Manifest an die Völker der Erde hat sie geschrieben, als sässe sie im Gen­fer Völker­bund, den es seit 1946 gerade nicht mehr gab. Dabei war sie eine klei­ne, scheue, zarte, fast eine zer­brechliche Person. In einem gewöhnlichen Miets­haus na­he dem Berliner Wittenbergplatz war sie zu Hause, eine kleine Tafel erinnert heute da­­­ran. 1940 konnte sie in letzter Minute nach Schweden flüchten, mit Hilfe weniger Freunde, darunter Selma Lagerlöf. Mit ihrem Judentum wurde sie erst durch die Na­ti­o­nalsozialisten kon­frontier­t, aber mit einem solch grossen Er­folg, dass sie 1966 den No­belpreis erhielt für ihre hervorragenden lyrischen und dra­mati­schen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Deutlichkeit interpretie­ren. 1960 wagte sie sich zur Verleihung des Droste-Preises nach Meersburg, aber über die Schweiz. Im Zür­cher Storchen traf sie Paul Celan. Kaum war sie nach Schweden zurückgekehrt, kam sie für drei Jahre in die Psychiatrie. Die wenigen Schritte auf deutschem Boden hat­ten sie doch noch zerbrechen lassen. 1970 starb sie, am selben Tag, an dem Paul Ce­­lan beerdigt wurde.

Ihre ganze Kraft war in ihre Gedichte geflossen. In ihnen war sie eine grosse, mutige, starke, fast eine prophetische Stimme. In ihrer Sprache hatte sie die Heimat gefun­den, die ihr im Alltag genommen worden war und die sie trotz guten Freunden nicht wieder fand. Wort, Laut und Atem wurden ihre Zuflucht, nun nicht mehr an be­stimmte Räume und bestimmte Zeiten gebunden. Mit ihnen wurde sie weltweit und zeitlos. So aber wurden auch ihr Schicksal, das der Jüdin Nelly Sachs, und das Schicksal ihres Volkes, dasjenige Israels, weltweit und zeitlos. Es spricht zu jedem Men­schen und zu allen Völkern. Mit Nelly Sachs spricht der Mensch.

Durch seine Sprache hat jeder Teil am Weltall der Worte. Vom Atem des soeben Ge­bo­­renen, das Laut gibt, ohne etwas zu verstehen, bis zu den gros­sen Umlaufbah­nen der Laute im Universum, die medial Verständigung und Ver­stehen ermög­lichen, gibt es die eine grosse Gemeinsamkeit: Sprache ist Leben, Sprachlosigkeit ist Tod. Nelly Sachs macht vor allem ein Laster aus, das sprachzer­setzend wirkt, den Hass, im Mit­telalter eine der Sieben Todsünden. Hasserfüllte Sprache, gehässiges Reden, hässli­che Wörter nimmt sie wahr wie ein Gemetzel. Sie zerschneiden brutal, was natürlich gewachsen ist, demagogi­sche Reden etwa, die sie in den Dreissi­gern durch den Volksempfänger mitgehört hat. Schon paraverbal waren sie messerscharf.

Die beiden Beispiele, die sie dann aber nennt, sind viel subtiler. Bei ihnen fliesst kein Blut. Sie sind aber nicht weniger einschneidend und zersetzend. Mit Leben für Tod und Wiege für Blut spricht sie das Vokabular ideologisch gesteuerter Sprache an, das Victor Klemperer 1947 in seinem gleichnamigen Buch LTI genannt hat: lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reichs. Gewöhnliche Wörter wie stolz oder sonnig verliessen ihre natürliche Umgebung und gerieten in eine ideologische, wenn die An­zeige für den gefallenen Sohn mit in stolzer Trauer begann oder die Beschreibung son­nig immer bei blauäugigen Buben und blonden Mädchen vorkam. In Auschwitz befahl man Gefangenen sich auszuziehen, weil es in die Dusche gehe, aber es ging in die Gaskammer. Daher das mutige Manifest der scheuen Frau: Völker der Erde, lasset die Worte an ihrer Quelle, denn sie sind es, die die Horizonte in die wahren Himmel rücken können.

86 / 22.3.16