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85 Kafka

Es bedurfte der Vermittlung der Schlange: das Böse kann den Menschen verführen, aber nicht Mensch werden.

Franz Kafka, Betrachtungen über den wahren Weg, 1920


Einer von hundertneun Aphorismen. Eine der hundertneun Betrachtungen über den wahren Weg. Eine mehr als die heilige Zahl 108, die Hinduismus und Bud­dhis­mus immer wieder für Wahrheiten und Wege bereithalten. Absicht oder nicht, Kafka be­zieht sich mit Apho­rismus 51 auf die Bibel (Gen 3,1-7).

Adam und Eva liessen sich von der Schlange ver­führen. Wider besseres Wissen. Sie kannten ja das Verbot. Die Schlan­ge aber kannte den Inhalt des Verbotenen. Sie wusste, was Erkenntnis von Gut und Bö­se bedeutet. Adam und Eva hatten von Gott gesagt bekommen, diese Erkenntnis bedeute, sterben zu müssen (Gen 1,17). Das wussten sie also. Die Schlange aber wusste, dass diese Erkenntnis auch bedeuten würde, wie Gott zu sein und Gut und Böse erkennen zu können. Das Böse, das die Schlange den Menschen vermittelt hat, lag darin, dass allein Gott Gut und Böse zu erkennen vermag, ohne dabei zu sterben oder andere sterben zu lassen. Das konnte nur Gott, und das hat die Schlange Adam und Eva nicht gesagt. Wie Gott zu sein, kann der Mensch also. Aber wie Gott zu sein, ohne den Tod über sich und andere zu bringen, kann er nicht.

Kafkas theologische Folgerung liegt in der Denkbewegung jener biblischen Texte, zu denen die Urgeschichten gehören, aber auch die emanzipierte Weisheitsliteratur, die Prophetie, Jesus und Paulus. Es ist die dialektische Denkbewegung. Gut und Böse un­­­terscheiden zu können, ist gut, solange dies Vermögen nicht dazu verführt, Gott sein zu wollen. Führt es aber dazu, dann ist genau dasselbe, das gut ist, auch böse. Es bringt dann Tod über den Menschen. Die Schlange hat also etwas Gutes ver­mit­telt: Die Einsicht, dass der Mensch dazu verführbar ist, Gott sein zu wollen.

Vermutlich zeigt sich dies am deutlichsten, wenn er andere Menschen be­urteilt. Etwa im dualistischen Schema von Schwarz und Weiss: hier die schwarzen Schafe, die nichts als böse sind, und dort die weissen, die nichts als gut sind. Oder im Schema der Sippenhaftung: wie böse einer, so böse alle von derselben Religion, und wie gut einer, so gut alle von derselben Rasse. So zu denken und zu reden, geht nur mit der hybriden Anmassung, Gott zu sein, und sagt nur etwas über den, der so denkt und redet, nämlich dass er verführt ist. Die Schlange hat gesiegt. Menschen werden stig­matisiert und leiden. Kafkas Unterscheidung weist dialektisch den richtigen Weg: Das Böse kann nicht Mensch werden. Es gibt das Böse, aber nicht den Bösen. Keiner ist ex­klusiv gut oder böse. Der Nur-Gute wäre wie der Nur-Böse göttlich.

Wie Aphorismus 51 der 109 Betrachtungen über den wahren Weg formuliert ist, löst er auch eine spiegelverkehrte Assoziation aus­. Etwa so: Es bedurfte der Vermittlung Jesu Christi: das Gute kann den Menschen versöhnen, denn es ist Mensch gewor­den. Der Verführung des Menschen, Gott werden zu wol­len und den Standpunkt des schlechthin Guten und schlechthin Bösen einzunehmen, antwortet der Wille Gottes, Mensch zu werden und die Dialektik von Gut und Böse zu erleben. Jesus hat, im bi­blischen Bild gedacht, der Schlange den Kopf zertreten (Gen 3,15) und den Men­schen von der Verführung befreit, Gott werden zu wollen, man kann sogar sagen: vom Zwang, Gott sein zu müssen. Gott wurde Mensch, damit der Mensch Mensch werde. Er hat ihn mit sich versöhnt.

Aufgeklärte Rechtsprechung weiss das auch. Generalverdacht und Sippenhaftung sind heute ausgeschlossen. Menschen, die nichts als gut sind, gibt es so wenig, wie Men­schen, die nichts als böse sind. Primitives Anschwärzen aber gibt es, leider.

85 / 22.3.16