Message

84 Whitman

I believe in the flesh and the appetites, / Seeing hearing and feeling are miracles, and each part and tag of me is a miracle. / Divine am I inside and out, and I make holy whatever I touch or am touched from; / The sent of these arm-pits is aroma finer than prayer, / This head is more than churches or bibles or creeds.

Walt Whitman, Song of Myself, amerikanisch 1855

Auf keiner meiner Reisen war er so all­­­gegenwärtig wie auf der letzten: der Selfie-Stick. Er ist ein Kultgegenstand dieser Jahre, eine postmoderne Devotionalie, ein Fe­tisch. Er macht doppelt unabhängig. Von anderen, die man nun nicht mehr bitten muss, ob sie einen photographieren. Von sich selbst, der nun nicht mehr in akrobati­scher Hal­tung und optischer Verzerrung zugleich als Photographierender und Photo­gra­phier­ter sichtbar ist. Das Selfie wird durch den Selfie-Stick, was es sein soll: auto­nom und sol­ipsi­stisch. Die Religion des Selbst ist mit ihm bei sich angekommen. Als ob kein an­de­rer als nur ich selbst von mir sagen könnte, wer ich bin.

So allgegenwärtig war der Selfie-Stick auf der letzten Reise, dass überwältigende Land­schaften, faszinie­ren­de Bauten, inspirierende Szenen in den Hintergrund traten. Durch den Selfie-Stick werden sie zur Tapete, vor denen sich stets diesel­be Person ablichtet, zur Kulisse, in der sie sich immer auf dieselbe Art inszeniert, zur Cinecittà, in der sie ewiger Star ist im ewigen Film, fast schon die Hall of Fame. Das Ich über­wältigt die Landschaft, fasziniert sich durch sich selbst, ist inspiriert vom eigenen Geist. Die Ferienreise wird durch Tapeten rekon­stru­ierbar. Die neue Welt dient dem alten Ich als Kulisse. Das Ich ist sein eigener Priester und Jünger. Als ob ich mich oh­ne Selfie-Stick verlöre und nur mit ihm meiner selbst vergewissern könnte.

Wie anders der Song of Myself, mit dem Walt Whitman ganze Generationen zum De­klamieren brachte. Was immer in diesem achtzig Seiten langen Epos gepriesen wird, mal hymnisch, dass mir die Luft fehlt, mal meditativ, dass ich innehalte und durchat­me, was immer Whitman über sich sagt, sagt er zugleich über das ganze Dasein und al­les Leben. Indem er sich beschreibt, beschreibt er das Leben. Indem er sich be­singt, besingt er das Dasein. Indem er sich huldigt, als stünde er selbst auf dem Altar, Ver­ehrender und Verehrter zugleich, huldigt er dem Göttlichen, das Leben ist und Le­ben schafft. Der Weg des Dichters zu sich selbst, endet nicht in der Sackgas­se der Verselbstung und des Solipsismus, sondern führt ihn über sich hinaus.

Das Verlangen, das den Menschen treibt, ist nie zu stillen, sondern zieht ihn le­bens­­länglich von sich weg. Das Wunder, das der Mensch ist, ist nicht abzulichten, son­dern weist über ihn hinaus. Whitman ist getrieben von dem, was die Romantik Sehn­sucht nennt, Ahndung oder Sinn und Geschmack fürs Unendliche. Er geht aufs Gan­ze: I belie­ve a leaf of grass is no less than the journey work of the stars. Er ver­traut der Schöpfung: All truths wait in all things. Sinnlichkeit und Sinn gehören ihm zuhauf: I believe in the flesh and the appetites.

So besingt Whitman, was Calvin in seiner Dogmatik voraussetzt: Wer sich er­kennt, er­kennt Gott. Denn kein Mensch kann sich selbst betrachten, oh­­ne sogleich seine Sin­ne darauf zu richten, Gott anzuschauen, in dem er doch lebt und webt. Denn all die Gaben, die unseren Besitz ausmachen, haben wir ja offen­kun­dig gar nicht von uns selber. So sagt der Selfie-Stick nichts über Gott und nichts über den Menschen. Er ist ein Fetisch ohne Kraft, eine Devotionalie ohne Grund, eine Vogelscheuche im Gurkenfeld, würde Jeremia sagen.

Was Whitman nicht macht: Er gibt seinen appetite nicht hin an des­­sen Stillung durch kirchlich vorgeschriebene Ernährung. Prayer, church, bible, creeds sind nicht falsch, sie ersetzen aber nicht die Sehnsucht, den Hunger nach Sinn, die Lust auf Leben.

84 / 21.3.16