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83 Reichert

Bei einem Abendspaziergang / vor mir her hüpfend / die einbeinige Amsel. // In wel­chem Krieg / war sie? Pflegte jemand / die Wunde? Hat wer / ihr Nest zerstört? / Wo kroch sie unter? // Sie fliegt ins Schwarzdorngebüsch. / Ich pfeife hinüber: / Amsel Einfuss! / Sie trillert zurück

Stefan Reichert, Halber Tag in der Fremde, 1983

 

Konversation mit einer Amsel. Die einbeinige Amsel und der einsame Dichter. Sie hüpft vor ihm her. Er sinnt ihr nach. Er pfeift hinüber. Sie trillert zurück. Die Eingliedri­ge und der Einsilbige, ein schräges Paar. In der inneren Rede des Dichters wird die Am­sel zum Freund, der mit nur einem Bein aus dem Krieg zurückgekehrt ist.

In welchem Krieg er war, ist dabei wohl egal. Ob Korea oder Algerien, Vietnam oder Afghanistan, Irak oder Syrien: Krieg ist Krieg. Menschen werden verwundet, verlieren den Boden unter den Füssen, kehren völlig anders zurück, als sie ausgezogen sind. Jeder Krieg ist zerstörerisch. Kein Kriegszug ist ein Abendspaziergang. Was kann auf ei­nem Kriegsschauplatz jemals gut gewesen sein? Das ius ad bellum steht hier in Frage: Ob es überhaupt ein Recht geben kann, Krieg zu führen und Menschen in den Krieg ziehen zu lassen.

Ob jemand die Wunde pflegte, ist dabei gar nicht egal. In jedem Krieg werden auch Krankenhäuser bombardiert, Medikamente zurückgehalten, Ärzte drangsaliert. Kein Fall von Korea bis Syrien, in dem das Internationale Rote Kreuz nicht auf der Einhal­tung der Genfer Konvention bestehen muss. Das ius in bello steht hier in Frage: Ob es, wenn Krieg schon sein muss, wenigstens menschlich angemessen in ihm zu und her geht und die Regeln der Kriegsführung eingehalten werden.

Konversation mit einer Amsel. Sie antwortet nicht, in welchem Krieg sie war, und si­cher hat niemand ihre Wunde gepflegt. Der sinnierende Dichter kommt vom kleinen Vogel auf den grossen Krieg, aber auch auf die prekäre Zeit danach. Noch einmal fliegt er mit dem Vogel zurück.

Ob inzwischen jemand ihr Nest zerstört hat, fragt er sich und denkt wohl an die Nach­kriegszeit und die Rückkehr der Soldaten aus der Gefangenschaft. Städte lie­gen in Trümmern, Adressen sind verschwunden, Elternhäuser zerstört. Die Frage des Wie­deraufbaus ist gestellt und wer ihn leisten kann, wenn Menschen verwundet und ver­sehrt sind.

Wo kroch sie unter, stellt die Frage des Asyls. Der Möglichkeit, bei Verwandten oder Freunden unterzukommen, oder, wenn es sie nicht gibt, bei Fremden. Auch dies eine immerwährende Geschichte, seit es Kriege gibt. Das Unterkriechen nach dem Krieg betrifft von Korea bis Syrien nicht nur die Kriegsversehrten, sondern alle Veteranen. Kaum einer Kriegspartei gelingt es, ihre Männer und Frauen nach geleisteten Dien­sten ehrenhaft und menschenwürdig unterzubringen, am wenigstens jener, die vor dem Krieg das grösste Pathos verströmt hat.

Die einbeinige Amsel und der einsilbige Dichter. Beide ermöglichen einen weiten Blick auf den grossen Krieg: auf seine Berechtigung und die Gerechtigkeit in ihm, auf den Wiederaufbau der Häuser und die Humanität der Gastgeber.

Plötzlich aber die Zäsur. Die Amsel fliegt ins Schwarzdorngebüsch. Nun ist sie ganz und gar Amsel, kann sie doch, was der Mensch nicht kann: einfach davonfliegen, als ob Beine unwichtig wären, und rasch im Dic­kicht verschwinden, als ob Dornen sie nicht stechen könnten. Und sie kann ein Drittes, das der Mensch ei­gent­lich auch kann, in seiner Not aber verlernt: balzen. Die Einbeinige ist ein Sing­vogel. Abends spürt sie den Frühlings besonders. Sie ruft nach dem Weibchen. Die andere Konver­sation. Der sinnierende Dichter aber scheint zu meinen, er sei gemeint …

83 / 18.2.16