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82 Knapp

Unwort der Jahrtausende / blutbesudelt und missbraucht / und darum endlich zu lö­schen / aus dem Vokabular der Menschheit // Redeverbot von Gott / getilgt werde sein Name / die Erinnerung an ihn vergehe / wie auf Erden so im Himmel // wenn uns­re Sprache aber / dann ganz gottlos ist / in welchem Wort / wird unser Heimweh wohnen // wem schreien wir noch / den Weltschmerz entgegen / und wen loben wir / für das Licht

Andreas Knapp, Gott, 2005

Seit 1991 gibt es das deutsche Unwort des Jahres. 2015 war es der Gutmensch, 2014 die Lü­genpresse, 2013 der Sozialtourismus. Stets werden Gruppierungen pau­schal denun­ziert, diffamiert und stigmatisiert. Ob engagierte Freiwillige, kritische Jour­nalisten oder unerwünschte Migranten, das Unwort des Jahres stempelt sie. Das Unwort der Jahrtausende aber ist international und polyglott. Es braucht keine Jury. Gott wird seit eh und je in allen Zungen denunziert, diffamiert und stigmatisiert.

Blutbesudelt und missbraucht sei das Jahrtausendwort Gott. Sind die Heiligen Kriege gemeint? In der hebräischen Bibel heis­sen sie Krieg Jahwes, und die mutmasslich äl­testen Texte ver­herrlichen ihn, so das Mirjamlied (Ex 15,21): Singt Jahwe, denn hoch hat er sich er­hoben, / Pferd und Rei­ter hat er ins Meer geschleudert. In der römi­schen Antike ist es das bellum iustum, dessen Eröffnung nach priesterlichem Recht zu geschehen hat und an dessen Erfolg man das Mass göttlicher Unterstützung er­kennt. Im hohen Mittelal­ter sind es die Kreuz­züge zur Be­freiung Jerusalems von den Muslimen, deren erster von 1095 be­reits unter dem provençalischen Slogan steht: Dieux el volt. Im Gefolge von Refor­ma­tion und Gegenreformation sind es die konfes­sionellen Religions­kriege, etwa der Dreis­sig­jäh­rige 1618-48, die jeweils theolo­gisch legitimiert werden, so 1530 im Artikel 16 der Confessio Augustana, nach dem die Ob­rigkeit rechtmässige Kriege führen darf: iure bellare. Im Islam ist es das Kon­zept des Djihad, nach Koran und Sunna der Kampf al-ǧihādu fī sabīli Llāh, also auf dem Weg Gottes. Ob Gott selbst Krieg führt, ob mit seinem Segen, nach seinem Will­len, in sei­nem Namen oder auf seinem Weg: Vergossenes Blut wird im Voraus wie im Nachhin­ein von Gott her legiti­miert. Jemand rechtfertigt es aus seinem Mund. Einer mimt Got­tes Stimme. So fällt das Blut auf ihn zurück. Blut klebt am Wort Gott.

In der zweiten Strophe spielt Andreas Knapp das Löschen des derart besudelten Worts durch, ausgerechnet als Parodie auf das Hauptgebet zu Gott, das Unservater: Getilgt werde sein Name statt geheiligt werde dein Name. Die Erinnerung an ihn ver­gehe statt dein Reich komme. Wie auf Erden so im Himmel statt wie im Himmel so auf Erden. Der Gelöschte und Getilgte wird nicht mehr angesprochen. Er ist weg. Die Lösung der Erde gilt auch für den Himmel. Sie diktiert.

Ein Vokabular, das ohne das Wort Gott auskommt, eine Sprache, die Gott losgewor­den ist, eine Menschheit, die das Unwort endlich gelöscht hat, verdammt sich zu fal­schem Schweigen. Warum? Weil das bezeichnende Wort, wenn es verschwindet, den be­zeich­ne­ten Fall, auf den es verweist, nicht einfach mitnimmt. Der Fall Gott ist unbenommen und ungelöscht. Gott ist der Fall, meint Knapp, wenn ein Mensch Heim­weh hat, wenn ihn Weltschmerz plagt oder Licht erfüllt. Gott ist der Fall, wenn ein Mensch sich sehnt, wenn er leidet oder leuchtet. Gott braucht das Wort Gott nicht, um der Fall zu sein. Besudelung und Missbrauch des Worts betreffen nicht sei­nen Fall. Zumal, wenn sie geschehen, weil einer sich anstelle Got­tes göttlich gibt, als sei er selbst jener Fall. Gott, der hinter Gott der Fall ist, lächelt, wenn Gott, der vor Gott diskreditiert ist, gelöscht werden soll. Not in my name! Der Mensch aber macht sich mund­tot statt die Kriegstreiber zu denunzieren, zu diffamieren, zu stigmatisieren.

82 / 18.2.16