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81 Mantel

Ich bin, wie Sie geschlossen haben werden, kein Mensch, der falsche Aufgeregtheit oder vor­getäuschte Neuerungen braucht. Dennoch bin ich bereit, den Fahrplan zu zerreissen und neue Wege zu nehmen, und ich weiss, in einer unwahrscheinlichen Endstation werde ich eine Hand finden, die dazu bestimmt ist, in meiner zu ruhen.

Hilary Mantel, Endstation, englisch 2014

Das Ende einer Geschichte. Die Erzählerin sieht in einem Zug, der parallel zu ihrem eigenen in die City von London fährt, ihren toten Vater sitzen. Der andere Zug ist um weniges schneller. Ihr Vater kommt ihr jünger vor. Er wird früher ankommen als sie und anders sein als ihre Erinnerung. Sie ist erschüttert, aber ihr will kei­ne Begeben­heit einfallen, die sie mit ihrem Vater verbindet. Sie geht in sich, aber ihr will kein Vor­haben in den Sinn kom­men, das ihn nach London fahren lässt. Sie meint, ihn tot im anderen Zug gesehen zu haben, doch nun sucht sie ihn in der Wa­terloo Sta­tion, fragt sich aber, wer von den Tausenden, die hier in einem schein­bar fernge­steuerten Rhyth­mus vorbeiströmen, eigentlich lebendig ist und wer tot. Sie findet ih­ren Vater nicht, als ihr plötzlich der Gedanke kommt, er könnte incognito unterwegs sein und un­erkannt bleiben wollen. Da beschliesst sie, wie immer ihrer Wege zu ge­hen, doch für alle Fälle kauft sie sich ein Päckchen Papiertaschentücher.

Die Erzählerin erzählt dies mir. Sie spricht mich mit Sie an. Ich werde Zeuge einer Er­schütterung im Getriebe ihres metropolitanen Alltags. Täglich sitzt sie im Zug, kommt in Waterloo an, geht zu ihrer Arbeit. Doch heute passiert das Unerwartete: Sie findet ihren verlorenen Vater, ob er es nun ist oder nicht, ob er nun tot ist oder lebendig, tut nichts zur Sache. Sie findet den Verlorenen und verliert den Gefundenen. Zur sel­ben Zeit. Im Moment des Findens wird ihr seine Verlorenheit bewusst, die auch ihre eige­ne Verlorenheit ist. Vater und Tochter sind einander seit langem fremd geworden. Kei­­ne Geschichten verbinden sie, kein Verstehen bringt sie zu sich zurück. Nichts ha­ben sie miteinander zu tun. Beide fahren incognito. Nur mir gegenüber bleibt sie nicht ver­steckt. Mir vertraut sie sich an. Respektvoll per Sie.

Das Ende einer Geschichte. Ich sehe in der täglichen rush hour eine Tragödie aufblit­zen. Für gerade mal eine Viertelstunde. Eine Tochter meint, in einem Unbekann­ten ihren entfremdeten Vater zu erkennen. Stellt sich vor, Erinnerung und Verste­hen zwi­schen ihr und ihm könnten sich einstellen. Macht sich auf, ihn zu finden im Strom des Berufsverkehrs. Landet, bevor sie ihren gewohnten Weg wieder auf­nimmt, an einem Kiosk, wo sie nicht ihn, aber Papiertaschentücher findet. Nach Jahren findet sie ihr Verlieren und verliert ihr Finden. Das Ende ihrer Vatergeschichte ist gekommen. Sie ist vaterlos. Ich, den sie anredet, bezeuge es ihr.

Die Tragödie der metropolitanen Entfremdung, die keiner will und die doch je­den trifft, die sich in der Anonymität der Massen täglich ereignet, nolens volens, diese Tragödie hat am Ende der Geschichte ein Den­noch: Die Erzählerin hat soeben erfahren, dass sie etwas kann, von dem sie nichts wusste. Sie kann im unaufhaltsamen Strom der rush hour innehalten. Ob Halluzination, Verwechslung oder Tagtraum, sie kann ihren Fahrplan zerreissen und neue Wege nehmen. Plötzlich weiss sie, das soeben Erfah­rene hochgerech­net, dass es eine Endstation geben wird, ein Finden und ein Ruhen. Dieses Wissen ist prekär: Es pendelt zwischen Unwahrschein­lich­keit und Bestim­mung. Es ist Hoffen wider alle Hoffnung. Es glaubt.

So hofft das Ende dieser Geschichte, die Endstation heisst, wie das Ende je­ner Ge­schichte, die Altes Testament heisst: Er wird das Herz der Vorfahren wieder zu den Nachkommen bringen und das Herz der Nachkommen zu den Vorfahren. (Mal 3,24) Herz wird zu Herz finden, Hand in Hand ruhen. Der Anfang einer Geschichte.

81 / 18.2.16