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80 Ammianos

Freúnd, du dénkst dir, es máche der Bárt dich zum Weísen; deswégen / légst du dies Wédelgerät gégen die Fliégen dir zú. / Schneíd ihn dir rásch wieder áb! Ich ráte dir dríngend. Denn weíse / mácht dich dein Bárt nicht, er bríngt lédiglich Läúse dir eín.

Ammianos, Anthologia Palatina, 900-1000n

Wer Ammianos war, weiss niemand. Anthologia Palatina ist der Name eines Codex, der im zehnten Jahrhundert in Konstantinopel entstanden ist und 3'765 Epigramme aus 1'500 Jahren griechischer Literaturgeschichte versammelt. Eine Blütenlese von Aufschriften. Ursprünglich war das Epigramm auf einer Gabe, einem Grab, einem Denk­mal zu lesen. Als literarischer Sinnspruch hat es sich vom ersten Ort gelöst und behandelt alles und jedes im Leben. Immer hat es nur einen Gegenstand, der meist in den zwei Zeilen eines Distichons aus Hexameter, dem Sechser, und Pentameter, dem Fünfer, abgehandelt wird. Epigramme waren zum Auswendiglernen gedacht. Bei passender Gelegenheit liess man sie einfliessen in ein Gespräch. Das bon mot einer causerie mit esprit. Das Epigramm des unbekannten Ammianos besteht aus zwei Distichen. Es hat den Bart zum Gegen­stand.

Ich stelle mir eine linke Kommune in den Siebzi­ger­­­jah­ren vor, eine abendliche Kiffer-Party, und plötzlich gibt einer der Kommunar­den, dem selbst noch keiner wächst, die­ses Epigramm zum Besten. Oder eine Grup­pe orthodoxer Juden am Sabbat, und auf einmal erzählt ein junger, der noch aufs Gym­na­sium geht, von diesem Spruch. Oder ein Harley-Davidson-Meeting, zu dem wilde Opas sich mit wilden Enkeln treffen, je­der auf seiner blitzenden und röh­ren­­den Ma­schine, und nebenbei rezitiert einer im aufgedrehten Radio, Spass eines schrägen Mo­derators, diese Distichen. Oder der Stammtisch älterer Bauern im Ap­pen­zeller­land, dem die Wirtin gerade eine neue Run­de Bier bringt, während am Fern­sehen ein Schläuling aus dem Unterland über Epigramme referiert. Nein, ich stelle es mir lieber nicht vor.

Keine Sorge! Derlei kommt nicht vor. Ist so nicht vorstellbar. Wäre ja nicht nur un­freundlich, son­dern regelrecht böse. Wäre eine Verhöhnung von Kommunarden, From­men, Töff­brüdern, Senioren. Diese Aufschrift kann nicht am behandelten Ge­genstand hängen, wie heute die Wasch­anleitung an einer Jacke oder Hose hängt, die man gerade ge­kauft hat. Nein, dieser Sinnspruch benutzt einen Bart, der unge­pflegt ist, schmutzig und stinkig, der Fliegen und Läuse anzieht und mit einem We­delgerät belüftet wer­den muss, damit das Un­ge­ziefer wieder geht oder gar nicht erst kommt. Er benutzt ihn für eine Weisheit, die sich mit ihm einprägsam verbildlichen lässt. Dieses Epi­gramm ist ein Sinnbild.

Wofür? Der Bart macht so wenig einen Weisen, wie eine Schwalbe den Frühling macht. Klar, der Weise der Antike hatte einen Bart, wie man unschwer auf allen Dar­stellungen von Aristoteles, Platon und Diogenes erkennen kann, aber auch auf de­nen von Jesus, Pau­lus und Petrus. Klar, der Frühling ist gekommen, wenn die Schwal­­ben zurückgekehrt sind, wenn sie balzen und brüten. Wer aber meint, der Bart mache einen Weisen oder eine Schwalbe den Frühling, schliesst vom De­tail aufs Ganze, vom Klei­nen aufs Grosse, vom Äusserlichen aufs Wesentliche: de mi­nore ad maius. Und ist der Schluss erst mal passiert, dann ist das Grosse vom Klei­nen schnell überwältigt, konsu­miert, aufgefressen. Dann folgt der Rückschluss, und der Bart ist die ganze Weisheit und die eine Schwalbe der ganze Frühling. Schlimmer noch, dann meinen viele, einer mit Bart sei immer weise und einer ohne nie.

Solche Schlüsse sind gefährlich. Ein Kopftuch macht keine Muslima, ein Talar keinen Pfarrer, ein Tattoo keine Eskapistin, ein Doktortitel keinen Gescheiten, eine Kippa kei­nen Juden. Wesen ist anders als Schein. Scheinen allein zieht nur Ungeziefer an.

80 / 4.2.16