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79 Zwingli

Es ist nun geklärt, dass die Sehnsucht nach der Seligkeit uns mit unserer Natur mitgegeben ist, nicht aber mit der Natur des Fleisches oder der Leidenschaften, sondern durch die Ebenbildlichkeit, die uns der Werkmeister Gott eingeprägt hat.

Huldrych Zwingli, Die Klarheit und Gewissheit des Wortes Gottes, 1522

Klärung ist gut. Zwingli predigt 1522 bei den Dominikanerinnen im Zürcher Kloster Oetenbach. Die Bettelorden sind stark in Zürich. Sie bekämpfen Zwinglis reforme­ri­sche These, die Autorität in Glaubensfragen liege einzig und allein bei der Bibel und nirgends sonst. Damit missachtet er den Anspruch der römischen Kirche, als Mittlerin zwischen Gott und Mensch alle Autorität auf sich zu vereinen: Wie die Bi­bel zu ver­ste­hen ist, worüber theologisch nachgedacht wird, was rechtlich gilt in der Kirche, wel­che Verbind­lichkeiten das tägliche Leben bestimmen, das alles legte die Kirche fest und mit ihr die kirchliche Tradition. Zwingli lehnt das ab. Die Or­den bekämpfen ihn heftig. Der Rat beruft die erste Disputation ein. Zwing­li setzt sich durch. Nun soll er in Oetenbach mit seiner Predigt zur Klärung beitragen.

Klärung ist besser. Die Frage stellt sich nämlich, wieso der Mensch auch ohne Kirche die Bibel verstehen kann. Das ist ja das Reformerische: Um Gottes Wort zu verste­hen, braucht der Mensch keine vermittelnde Autoritäten. In Zwinglis Augen soll er re­ligiös erwachsen werden, mün­dig sein und selbst denken. Ja, er darf seinen Glauben nicht mal delegieren. Als Erwachsener trägt er auch im Glau­ben Verantwortung. Wer mündig ist, kann reden, und wer redet, kann antworten. Mündigkeit heisst, dass Hö­ren, Verste­hen und Verantworten zusammengehören.

Klärung ist am besten. Zwinglis positive These heisst: Gott, der verstanden werden will, er­möglicht selbst, dass der Mensch ihn verstehen kann. Er gibt sich selbst zu ver­ste­hen. Wie? Zwingli liest in der Bibel, dass jeder Mensch Geschöpf des Schöp­fers ist und der Schöpfer ihn nach seinem eigenen Bild er­schaffen hat. Gott hat ihn gottförmig und gottgemäss erschaffen. Für den ein­zel­nen er­fahrbar und für andere erkennbar ist das aber nicht am Leib: nicht mit der Natur des Fleisches. Einzig in Chri­stus ist Gott selbst Fleisch geworden. Kein anderer Mensch ist wie er Gott. Eben­so wenig ist dies erfahrbar und erkennbar an der Seele: nicht mit der Natur der Lei­den­schaften. Der Schöpfer hat zwar alles Geschaffene be­seelt, aber in nichts Ge­schaf­fenem sitzt Gott in Gestalt seiner Seele. Wie denn nun? Die Eben­bildlichkeit, die uns der Werkmeister Gott eingeprägt hat, ist für den Einzelnen erfahr­bar und für an­dere erkennbar am Geist! Gottesgeist und Men­schengeist korrespon­die­ren mitein­ander. Das menschliche Vermögen, in der Bibel Gott reden zu hören und ihn zu ver­stehen, ist von Gott verliehen: dem Ge­schöpf vom Schöpfer mitgege­ben, vom göttli­chen Geist dem menschlichen Geist gewährt.

Was nebenbei auch geklärt ist: Glaube ist Sehnsucht nach der Seligkeit. Gottförmig und gottgemäss geschaffen, sehnt sich der Mensch nach Glück, nach Seligkeit, nach Glückselig­keit. Von Augustin übernimmt Zwingli die Vorstellung, Gott habe den Men­schen auf sich hin erschaffen, und alle Unruhe im Menschen sei Sehnsucht nach Ru­he in Gott. Vielleicht ist dies nebenbei Geklärte heute das Wertvollste: Glaube ist Sehn­sucht. Nicht nach Heiligen oder Ikonen, Kirchen oder Klöstern, Geboten oder Dogmen, nein, Sehnsucht nach Seligkeit, nach Ruhe in Gott, nach Ankommen und Zuhause­sein. Das Reformerische an Zwingli ist ja gerade, dass nicht die Kirche Glauben fordern darf, sondern einzig und allein Gott. Sein Geist sagt es meinem Geist.

Für die Dominikanerinnen von Oetenbach ist die Frage übrigens geklärt: Sie verlas­sen das Kloster, das 1525 aufgehoben wird.

79 / 4.2.16