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78 Anonym

Die Gedanken sind frei, / Wer kann sie erraten? / Sie rauschen vorbei / Wie nächtli­che Schatten. / Kein Mensch kann sie wissen, / Kein Jäger sie schiessen; / Es bleibet dabei, / Die Gedanken sind frei.

Anonym, Des Knaben Wunderhorn, um 1780

Wer kennt sie nicht, diese Strophe? Sophie Scholl soll sie ihrem Vater auf der Flöte ge­spielt haben, abends im August 1942 und unten an der Gefängnismauer, nachdem er von den Nazis verhafte­t worden war. Ernst Reuter hat sie zitiert, in einer Rede im September 1948, als er dreihunderttau­send eingeschlossenen Berlinern Mut machte. Dean Read sang sie 1972, Leonhard Cohen 1976, Konstantin Wecker 2015. Erst­mals war sie um 1780 auf Flugblättern zu lesen, dann 1808 in der Liedersammlung von Arnim und Brentano, kurz drauf als Schwei­zerlied in den Liedern der Brienzer Mäd­chen. Die Herkunft blieb anonym, doch Text und Melodie sind seit der Helvetik und der Reaktion auf vielen Gassen unterwegs.

Eine uralte Kulturerfahrung der Menschheit findet hier Ausdruck: Tyrannen und Dikta­to­ren können jede kulturelle Manifestation zerstören oder verbieten, ob mit Bücher­ver­bren­nungen oder Bilderstürmen, das aber bleibt unzerstörbar, was der Mensch im Kopf hat, ob auswendig gelernt oder gerade eben erfunden. Mündliches Wort und ge­sungenes Lied bleiben unausrottbar. Welche Kraft!

Aber nur, solange mündliche Traditionsarbeit funktioniert. Während der Jahrhunderte engli­scher Vorherrschaft hatte sich in Irland eine reiche mündli­che Kul­tur entwickelt. Erzählerinnen wanderten während des Win­ters von Kate zu Kate, um aufmüpfige Mär­chen zu verbreiten, und in abgelegenen Taver­nen gab es am Wochenende Sing­songs, zu denen jeder reihum sein Lied beitrug. Irin­nen und Iren hatten im Wider­stand gegen die Übermacht hochstehende Formen der Mündlichkeit entwickelt. Wäh­rend der Jahrzehnte pseudo­so­ziali­sti­scher Unter­drüc­kung hatte sich in der DDR eine Kultur guter Witze entwickelt, die von Mund zu Ohr durch die Bezirke wanderten. So­gar die ziemlich gute Ausbildung in allen Sparten der Kleinkunst konnte sich trickreich und verschmitzt gegen die Ausbil­der wenden, mit gesungenen Balladen oder stum­men Pantomimen. Wer kann sie er­raten? Das war in Irland über Jahrhunderte und in der DDR über Jahrzehnte die heimliche Frage.

Mündliche Kultur kennt die List des Überwinterns. Ihre Produkte sind Schatten. Sie sind flüchtig. Auch im Alten Testament. Listgeschichten sind dort ge­sam­melt, mit de­nen man sich in Zeiten der Unterdrückung mündlich Mut gemacht hat: zum Beispiel die über Ehud, der weiss, wie man sich trickreich eines Ausbeuters entledigt (Ri 3,15-26). Oder die über Simson, der vorführt, wie man nicht zum Opfer gebrochener Ver­sprechen wird (Ri 15,1-8). Oder die bekannte Listgeschichte über David, der zeigt, wie man einer hochgerüsteten Grossmacht erfolgreich entgegentritt (1Sam 17,38-51). Ob sie sich tatsächlich ereignet haben, ist dabei völlig uninteressant. Die Kraft liegt darin, dass List stärker ist als jede Macht und Freiheit stärker als jede Ausrü­stung. Mündlichkeit, solange sie gepflegt wird, lässt unter widrigsten Umständen über­wintern. Israel in Ägypten oder Jerusalem in Babylon, Jesus vor Pilatus oder Paulus in Rom. Immer konnten die Gewaltigen zerstören, entführen, aushungern, mor­den, aber nie ist es gelungen, Gedanken am Überwintern zu hindern.

Gedanken können nicht erschossen werden. Man kann sie nur vergessen. Daran aber sind in der Regel nicht die Gewaltigen schuld, sondern diejenigen, die Ge­­dan­ken nicht pflegen, nicht erzählen, nicht überliefern. Kultur stirbt nicht durch Gewalt, sondern durch Gedankenlosigkeit. Auch die biblische, auch die christliche, auch die kirchliche.

78 / 8.1.16