Message

77 Anonym

Veni, Sancte Spiritus, / reple tuorum corda fidelium, / et tui amoris in eis ignem ac­cen­de, / qui per diversitatem linguarum cunctarum / gentes in unitate fidei congre­ga­sti. // Komm, Heiliger Geist, / füll die Herzen deiner Gläubigen, / und entzünd das Feuer deiner Liebe in ihnen, / der du bei der Verschiedenheit aller Sprachen / die Völker in der Einheit des Glaubens versammelt hast.

Anonym, Antiphoniarum Benedictinum, um 1400

Diversitas und unitas in demselben Gedicht. Das ist aktuell. Verschiedenheit, die sich am unmittelbarsten in den Sprachen zeigt, und Einheit, die sich am erlebbarsten im Glauben zeigt. Das ist auch nach sechshundert Jahren aktuell. Benediktinische Mön­che haben diese Sequenz, als es noch flächendeckend Klöster gab, stellvertretend für alle Menschen gesungen: die dreizeilige Bitte um das Wirken des Geistes, der wirkt wie Wind und Feuer (1Kön 19,11-13; Apg 2,1-4), und die zweizeilige Beschrei­bung des Wunders, das noch immer Liebe heisst. Das ist so ak­tu­­ell wie eh und je. Auch ohne Klöster und Mönche.

Warum das aktuell ist? Medialität und Mobilität haben die ganze Welt überschaubar und beweglich gemacht. In Krisen bricht sie auf. Menschen verlassen zu Millionen ih­re brennende und hungernde Heimat. Ziehen dorthin, wo sie Nahrung und Schutz ver­muten. Bringen die Verschiedenheit ihrer Muttersprachen mit. Wohnen mit ihnen im Sprachgewirr. Sind Konkurrenten um Schutzplätze. Leben ihr Babylon.

Menschen bringen immer auch ihr kulturelles Kapital mit: Was ihre Herkunftskultur aus­­macht, deren Ausdruckspalette, deren Kunst. Anderes können sie, als die Kultur ihrer Gastgeber kann. Die Muttersprache wäre das Medium, der Herkunftskultur Aus­druck zu verleihen. Doch was nützt sie in Babylon? Wer kann zuhören? Wer will? Ebenso bringen sie immer auch ihr religiöses Potenzial mit: Was ihre Herkunftsre­li­gi­on ausmacht, deren Denkweisen und Haltungen, deren Bindung. Ausserhalb Euro­pas gibt es kaum jemand, der behaupten würde, man könne ohne Religion leben. Sie ist die Vatersprache des Menschen. Doch was nützt sie in Babylon? Wer will sie ver­stehen? Wer traut ihr?

Die benediktinische Sequenz ist so neu wie alt, so aktuell wie traditionell. Die unitas fidei ist zuerst eine unitas amoris! Einheit im Glauben nicht denkbar ohne Ein­heit in der Liebe! Wer nicht in der Lage ist, das ganz Andere, das Fremde im Frem­den, das vom Eigenen Unter­schie­de­ne zu lieben, und zwar so zu lieben, wie es da­her­kommt und gerade eben erscheint, der kann nicht erwarten, dass Fremdreligiö­ses, Anders­gläu­biges, Unbekanntspirituelles respektiert wird. Von Integration zu re­den, hat dann keinen Sinn. Integer bedeutet unversehrt, unverletzt, ungeschwächt. Wer seine hun­gern­de und brennende Heimat verlassen musste, um zu überleben, kommt versehrt, verletzt, geschwächt in der Fremde an. Nur Liebe kann ihn heilen. Eine wirkliche und nachhaltige restitutio ad integrum, die Wiederherstellung von Un­versehrtheit, ist nur durch Liebe möglich, durch unitas amoris.

Den Fremden zu lieben, bevor man ihn versteht: ihn zu kleiden, ihm zu essen zu ge­ben, ihm Dach, Bett, Schutz zu gewähren. Das Fremde anzunehmen, bevor man es über­­­schaut: Muttersprachen zu hören, Vatersprachen zu entdecken, kulturel­les Ka­pi­tal und religiöses Potenzial zu respektieren. Dazu braucht es zuerst Liebe, dann na­tür­lich auch Logistik. Wo nur Logistik ist und nicht Liebe, geschieht besten­falls re­pa­ra­tio und nicht integratio. Wo aber Liebe ist, kann sich auch unitas fidei ereig­nen, pfingstliche Einheit trotz muttersprachlicher und vatersprachlicher Verschieden­heit. Stellvertretung lohnt sich, als Sequenz und Konsequenz: Veni, Sancte Spiritus!

77 / 7.1.16