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76 Strittmatter

Melodie: Man müsste es erreichen / Dass man den Schmerz verwandelt / In eine reine Melo­die, / Die nicht mehr von uns handelt, // Dass nur wer liebt und uns nicht kennt, / Das unterdrückte Wehe! / In einem kleinen Nebenwort / Als seinen Schmerz verstehe.

Eva Strittmatter, Mondschnee liegt auf den Wiesen, 1975

Ob das zu erreichen ist, lässt Eva Strittmatter bewusst offen. Schmerz in ein Lied verwandeln, Pein in eine Melodie, Lei­den in Musik. Ob je­mand das schafft, bleibt un­beantwortet. Vielleicht wäre die Ant­wort da­rauf auch gar nicht hilfreich, sondern eher banal. Würde sie Ja sagen, ja, das geht, so wäre der Text kein Gedicht mehr, son­dern der Werbeprospekt für eine the­ra­peutische Pra­xis. Würde sie Nein sagen, nein, das geht nicht, so wäre der Text weder Ge­dicht noch Prospekt, sondern ein Muster für literarischen Kitsch.

So aber, in der Offenheit der Frage, nährt Eva Strittmatter mei­ne Einbildungskraft, mei­ne Vorstellungen, meine Ima­gination. Darin liegen wohl das Therapeuti­sche und Literarische die­ses Gedichts. Es setzt mir einen Gedanken in mein Denksystem, eine Laus in meinen Pelz, einen Floh in mein Ohr. Nun kann ich mich an ihm abarbeiten. Die Laus rückt mir auf den Leib, und der Floh raunt mir Unerhörtes zu.

Wäre doch gut, dem Schmerz nicht allen Raum im Leben zu geben und ihn nicht das ganze Dasein dominieren zu lassen. Gut, wieder von ihm loszukommen und nicht selbstmitleidig zu werden. Gut auch, ihn für andere zu einem Gewinn zu machen. Er hätte mich dann nicht mehr im Griff, sondern erklänge anderswo. Als reine Melodie, die sich einer pfeift, oder als liebes Lied, das sich eine singt. Rein würde heissen: Oh­­ne die Stigmatisierungen, die der Schmerz auf meiner Haut und in meiner Seele hinter­lassen hat. Erfahrung ohne mein Erleben. Die Melodie sänge nicht von mir, son­­dern vom Wesen des Men­schen, zu dem Schmerz, Leiden und Pein gehören. Ich gäbe sie weg, und allen wären sie nützlich. Allen?

Wäre doch gut, raunt der Floh mir zu, wenn diese Melodie singen könnte, wer liebt. Nicht alle also, sondern nur die Liebenden, sie hätten etwas von meinem Erleben, das zur reinen Erfahrung geworden wäre. Sie würden aus der Melodie auch ein We­he! heraushören. Nicht als vorherrschenden Ton, aber als Begleitmelodie, viel­leicht als blue note, als Dreck, wie die Jazzer die enttäuschte Hörerwar­tung nennen, musi­kalisch als Minderung der normalerweise zu erwartenden Note. Wieso der Lie­bende? Er soll das unterdrückte Wehe!, kaum hörbar ist es, als seinen Schmerz ver­stehen. Solchen, die nicht lieben, wird es nicht vernehmbar. Sie sind taub für die blue note. Wer aber liebt, hat jene Sensibilität, mit der Zwischentöne wahrgenommen wer­den. Das soll er wohl, raunt mir der Floh zu, damit die Liebe stark werde. Ein leiser Wehe­ruf gehört ins Liebeslied. Sonst ist es Kitsch.

Die Offenheit der Frage lässt meiner Vorstellungskraft sogar Spielraum, mir Schmerz aus Liebe und Liebe aus Schmerz biblisch zu denken: Denn so hat Gott die Welt ge­liebt, dass er den einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren ge­he, sondern ewiges Leben habe. (Joh 3,16) Wurde nicht der Schmerz des Jesus zum Gewinn für alle Liebenden? Wurde er nicht verwandelt in eine reine Melodie, die seither alle singen, die lieben? Wurde nicht Liebe dadurch so stark gemacht wie der Tod, so dass das Todeserlebnis des einen das Leben aller anderen ermöglicht? Vor­ausge­setzt, sie lieben. Vorausgesetzt, sie vernehmen den Dreck in der reinen Melo­die. Vorausgesetzt, sie lieben die blue note.

Eva Strittmatters Laus hat meine Theologenhaut gebissen. Ihr Floh hat mir mehr ins Ohr geraunt, als sie ahnen konnte. Aber so ist das mit guten Melodien.

76 / 22.12.15