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75 Wagner

Hier stockt die Zeit, sie staut sich. Eigentlich müsste ich missmutig werden über so viel Zeit.

David Wagner, Leben, 2013

Eine herrliche Besonderheit auf Schweizer Bahnhöfen ist die Schweizer Bahnhofs­uhr. Ihr Sekundenzeiger stockt ein ganz klein wenig, bevor er oben ankommt und die nächste Minute beginnt. Wer es weiss und diesen unmöglichen Zeiger liebt, könnte vor lauter Spass seinen Zug verpassen. Aber natürlich ist es nur der Zeiger, der stockt, nur die Anzeige der Wirklichkeit, die das Unmögliche möglich scheinen lässt. Nicht die Wirklichkeit selbst. Die ist unerbittlich genau. So muss denn auch die be­rühmte Bahnhofs­uhr jede der nächsten fünfundfünfzig Sekun­den um ein My schnel­ler verstreichen las­sen, um die schöne Stockung auf den letz­ten fünf Se­kun­den un­be­­merkt wieder aufzuho­len. Denn in Wirklichkeit stockt sie nie, die Zeit.

Stimmt das? Ist nicht auch die Zeit konstruiert? Jedenfalls ihre minutiöse, ihre objek­ti­ve, ihre exakte Verlaufsform. Eine weltweite Konvention. Die regelmässige Justierung um Sekundenbruchteile eingeschlossen. Wir brauchen diese Unerbittlichkeit des Ob­jekti­ven. Was wären unsere Planungen, Vereinbarungen, Unternehmungen ohne die Exakt­heit von Flugplänen, Laufzeiten und Lohnzahlun­gen? Wo käme man ohne sie hin? Wenn es stimmt, dass Zürich weltweit die schnellste Stadt ist, die City also, in der die Lauf­geschwindig­keit der Passanten die höchste ist, dann sind wir auch am un­erbitt­lich­sten mit der Objektivität der Zeit. Was wären unsere Verträge, Sitzungen, Stun­denpläne ohne Pünktlichkeit? Die sympathische Bahnhofsuhr unterstreicht als Ausnahme nur die Unerbittlichkeit der Regel. Wir wollen das so.

Was aber, wenn unser Wille nicht mehr zählt? Im Abschnitt 33 von 277 einer Krank­heits­geschichte erscheint Zeit wie ein Ele­ment. David Wag­ner benutzt ein Bild, das an Wasser erinnert: Zeit, die sonst im Fluss ist, staut sich. Ihr Fliessen gerät ins Stoc­ken. Ein Wehr hemmt ihren Fluss. Ihre Gleich­mäs­sigkeit ist unterbrochen. So ist sie nicht mehr verlässlich, die Zeit. Plä­ne geraten durcheinander. Im Fall des Ich-Erzäh­lers in diesem Roman ist das aller­dings bereits passiert: Er ist todkrank und liegt im Spital. Wieder mal hat ihm sein Kör­per übel mitgespielt. Notfallmässig ist er eingelie­fert worden. Er hat eine Autoim­mun­­schwä­che. Sein Körper macht seine Leber kaputt. Lange schon. Nun geht es nicht mehr weiter. Er muss eine neue Leber haben. Im Spi­tal wartet er auf den Tod eines Spenders. Auf ein neues Leben.

Im Warten staut sich die Zeit. Der Abschnitt 92 von 277 besteht nur aus dem Satz Ich warte, 126mal, und er endet ohne Punkt. Wer verstünde nicht, dass einer da miss­mu­tig werden kann! Alle, die einmal wegen einer grös­seren Sache im Spi­tal gelegen sind, werden den Ich-Erzähler gut verstehen. Verka­belt und ver­schlaucht im Bett zu liegen, vor Schmerzen nicht lesen oder schla­fen zu können, in allem auf Hilfe ange­wie­sen zu sein: Da wird Zeit zur Qual. Sie über­­­schwemmt einen. Man ertrinkt in ihr. Nichts geht mehr. Vor allem ist sie nur noch subjektiv. Der Sekundenzeiger stockt nicht nur, er bleibt hängen.

Mir fiel, als ich mal in einer solchen Lage war, der Psalm 90 ein, ein Ge­­dicht über die Zeit, die nicht mir gehört, sondern Gott: Noch ehe Berge geboren wurden / und Erde und Erdkreis in Wehen lagen, / bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. (Ps 90,2) Zeit ist hier nicht minutiös, objektiv, exakt. Sie ist subjektiv. Gott ist ihr Subjekt. Er hatte sie schon konstruiert, bevor er alles andere konstruierte. In dei­nen Augen sind tau­send Jahre / wie der gestrige Tag, wenn er vorüber ist, / und wie eine Wache in der Nacht. (Ps 90,4) Im Stocken der Zeit könnte Gott begegnen, fiel mir ein. In ihrem Stau wäre sie seine Zeit. Eine Gottesüberschwemmung. Wäre herrlich. Stimmt das?

75 / 22.12.15