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74 Blixen

Für einen Künstler, hat er gesagt, ist es schrecklich und unerträglich, wenn er dazu ermutigt wird, nur sein Nächstbestes zu geben und dafür noch Beifall bekommt. Durch die ganze Welt, hat er gesagt, schallt unablässig der eine Schrei aus dem Herzen des Künstlers: Erlaubt mir doch, dass ich mein Äusserstes gebe!

Tania Blixen, Babettes Gastmahl, dänisch 1958

1987 wurde aus der Novelle Babettes gæstebud ein Kinofilm. 1988 gewann er als be­ster fremdsprachiger Film den Oscar. Wer ihn gesehen hat, weiss, wer hier, ganz am Ende der Novelle, redet, wen er zitiert und zu wem er spricht.

Es spricht Babette, eine Haushälterin, die 1872 ins norwegische Exil gegangen war, denn sie war ein Mit­glied der aufständischen Pariser Kom­mune. Die Schwestern Mar­tina und Philippa, die von ihrem strengen Vater, dem Gründer einer pietistischen Sekte, nach Lu­ther und Melanchthon benannt waren, hatten ihr Unterschlupf gewährt und sie angestellt. Nachdem sie die schönsten Mädchen des Dorfs gewesen waren, aber aus Rücksicht auf den Vater je eine Liebesaffäre hatten sausen lassen, sind sie inzwischen ältere Jungfern und die Leitfiguren ihrer frommen Gemeinde. Babette ist schon länger bei ihnen, als sie überraschend einen hohen Lotteriegewinn erzielt, mit dem sie nach Frankreich zurückkehren könnte, um ein neues Leben aufzubauen. Zu derselben Zeit jähr­t sich der Geburtstag des Vaters und Gemeindegründers, und Ba­bette bietet an, für alle ein französisches Diner zu kochen, denn sie ist Köchin von Be­ruf und will sich für das gewährte Asyl bedanken. Es wird ihr gnädig gewährt. Sie lässt alle Zutaten aus Frankreich kommen und trägt fürstlich auf. Die Gemeinde aber sitzt steif und mit versteinerter Miene. Niemand lobt die hervorragende Köchin. Erst nach viel Wein lassen einige ihren frommen Comment fahren. Verdrängte Lust tritt zutage. Un­gestillte Sinnlichkeit wird wach.

Babette zitiert hier jenen französischen Opernsänger, der einst von Philippa einen Korb erhalten und später Babette mit einem Empfehlungs­schrei­ben nach Norwegen vermittelt hatte. Als Künstler des Singens hatte er etwas gesagt, das Babette als Künst­lerin des Kochens nun kongenial erlebt: Wie schreck­lich und unerträglich es ist, wenn von der Kunst nur das Zweitbeste erwartet und nur das Mediokre beklatscht wird, das Beste aber verboten bleibt.

Philippa ist es, die Babette nun endlich mal zuhört. Die jetzt erstmals nach­vollzieht, welches Glück damit verbunden ist, Be­stes zu leisten und Bestes zu geniessen. Die realisiert, auf welches Glück sie aus kleinlicher Moral und falschem Gehorsam ver­zich­tet hat. Die erkennt, dass Babette ihren ganzen Lot­teriegewinn in dieses Diner gesteckt hat und nun nicht mehr nach Frankreich zu­rückkehren kann. Die am Ende der Novelle ihre eigentliche Be­kehrung erlebt: Ein Gefühl sagt mir, Babette, dass dies nicht das Ende ist. Im Pa­ra­dies wirst du die gros­se Künstlerin sein, als die Gott dich schuf. Und ein Entzücken, Babette, für die Engel!

Nein! Gott, der Menschen wunderbar begabt, kann nicht wollen, dass Begabungen fürs Entzücken der Engel aufgespart werden. Gott, der seine Geschöpfe mit Talenten ausstattet, will, dass mit ihnen produktiv umgegangen wird (Mt 25,14-30). Gott, der al­les auch erschaffen hat, dass der Mensch es geniesse und beim Geniessen Glück em­pfinde (Ps 104,13-15), will auch, dass der Mensch sich das Gute und seine Lust am Guten gönnt (Qoh 2,24).

Ja! Die ganze Welt zu hören und in ihr stets das Äusserste zu geben, ist nicht immer mög­lich und bleibt ein letztes Versprechen. Für den Tag, an dem alle Völker zum Got­tes­berg pilgern, um dort friedlich ein fettes Mahl zu geniessen, ein Mahl mit alten We­inen (Jes 25,6). Ein Galadiner, von Gott gekocht. Oder am Ende gar von Babette?

74 / 1.12.15