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73 Chatwin

Aboriginal Creation myths tell of the legendary totemic beings who had wandered over the continent in the Dreamtime, singing out the name of everything that crossed their path – birds, animals, plants, rocks, waterholes – and so singing the world into existence. / Schöpfungsmythen der Aboriginals erzählen von den sagenhaften To¬tems, die in der Traumzeit über den Kontinent wanderten und den Namen von allem herausgesungen haben, was ihnen über den Weg lief – Vögel, Tiere, Pflanzen, Felsen, Wasserlöcher – und wie sie so die Welt ersungen haben.

Bruce Chatwin, The Songlines, englisch 1987

Was niemand singt, gibt es nicht. Was es gibt, wurde mal gesungen. Nicht erschaf­fen, sondern ersungen ist die Welt: Der Weg eines Totems schafft die Songlines, die Australien überziehen wie ein Netz. Im Traum erfährt jeder Aborigine, was sein To­tem und so sein Urahn ist, zu wem er verwandtschaftlich gehört wie Bruder oder Schwe­ster, von welchem Clan er ein Mitglied ist, in welche Geheimnisse er initiiert wird, wel­che Songline durch ganz Australien seinen Weg bestimmt, welche Lieder er als sei­ne Lieder immer wieder zu singen hat.

Die einmal ersungene Welt muss immer wieder ersungen werden. An heiligen Or­­ten, wo die Songlines sich kreuzen. Durch Eingeweihte und Hüter des Geheimnis­ses: Wird niemand initiiert, vergeht eine Welt. Hat ein Totem keine Nachfahren, stirbt er aus. Durchkreuzt eine Autostrasse die Song­line, verstummt sie. Verschwindet ein Sacred Place im Tagebau einer ausbeutenden Firma, bricht die Kommunikation von Einst und Jetzt und Dann für immer zusammen.

Wer in Australien unterwegs ist, begegnet ihnen nur selten. Den Schwarzen, die vor den Weissen dort waren. Überall informieren Tafeln, welcher Stamm der Ur­­einwoh­ner gerade dort zu Hause ist, wie die Sprache heisst, die sie sprechen, wie der Ort, an dem man gerade steht, oft ein Sacred Place. Doch man sieht sie nicht. Eine eige­ne Fahne haben sie, die auf öffentlichen Häusern flattert. Auf dem Zwei­dol­larstück ist einer zu sehen. Ein Aktivist für die Rechte der Aborigines ist auf der Fünf­zig­dollarnote porträtiert. Doch man sieht sie nicht. Immer wieder mal gibt es ein Zen­trum für die Kunst der Ureinwohner oder eine Galerie mit Bildern von namhaften Kün­st­lern. Doch man sieht sie nicht. Fast nicht. Kaum.

Als ich dort war, kam es mir vor wie ein clash of cultures, den es nicht geben darf, aber gibt. Der australische Staat bekämpft zwar mit grösster Intensität die Einfuhr un­australischer Pflanzen und Tiere, um die endemische Flora und Fauna zu schützen. Selbst die Einfuhr unaustralischer Erde an den Sohlen wird geahndet. Da wird mit äus­serster Akribie ein Riesenbiotop geschützt. Die endemische Spezies Mensch aber, Aborigine genannt, wird versteckt oder versteckt sich selbst. Haben sie aufge­hört zu singen? Ersingt sie keiner mehr? Ersingen sie keinen mehr? Ist ein ge­mein­sames Lied der Schwarzen und Weissen nicht möglich?

Da bildete JHWH, der Gott, aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und brachte sie zum Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen wür­de, und ganz wie der Mensch als lebendiges Wesen sie nennen würde, so sollten sie heissen. Und der Mensch gab allem Vieh und allen Vögeln des Himmels und allen Tie­ren des Feldes Namen. (Gen 2,19-20) Anders ist hier, dass Gott alles bildet, aber ähnlich, dass der Mensch alles Geschaffene ernennt. Dieses Ernennen wird auch als Erspielen mit einem Instrument oder als Ersingen mit der eigenen Stimme ver­stan­den: So spielte oder sang die Weisheit als Ersterschaffene, während der Schöp­fer alles Weitere erschuf (Spr 8,30-31). Seither ist Ersingen das Mittel gegen Vergessen, Ernennen das Mittel gegen Verstecken.

73 / 1.12.15