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72 Barnes

We live on the flat, on the level, and yet – and so – we aspire. Groundlings, we can sometimes reach as far as the gods. Some soar with art, others with religion; most with love. But when we soar, we can also crash. / Wir leben in der Ebene, auf dem Bo­den, und ja, so streben wir hinauf. Obwohl Bodenbewohner, können wir manchmal so weit kommen wie die Götter. Manche fliegen hoch mit Kunst, an­de­re mit Religion; die meisten mit der Liebe. Doch wenn wir hochfliegen, kön­nen wir auch abstürzen.

Julian Barnes, Levels of Life, 2013

Drei Ebenen beschreibt Barnes in drei Kapiteln. Zuerst die Höhe, die Welt neuer technischer Möglichkeiten, hier der schwebenden Ballons mit ihren kühnen Pionie­ren: eine lustvolle historische Reportage. Dann die Ebene, die Welt menschlicher Be­ziehungen, hier der Schauspielerin Sara Bernhardt und des Luft- und Photo­pioniers Na­dar: ein Bericht mit heiteren und ernsten Dialogen. Schliesslich die Tiefe, die Welt biographischer Ab­grün­­de, hier der eigene nach dem schnellen Tumortod seiner Frau: der Ich-Bericht seiner Trauer.

Dante fällt mir ein: oben das Paradiso, im Normalzustand das Purga­to­rio, unten das Inferno. Aber auch der Turm von Babel (Gen 11,1-9): hoch hinaus zu wollen und zu können, aus gottgleicher Höhe abzustürzen in die alltägliche Welt aus Verstehen und Miss­verstehen. Soaring, im Englischen das Segeln oder Gleiten durch die Nutzung von Aufwinden, to soar und to crash, das sind die Verben, die in allen drei Kapiteln vorkommen. Als condition humaine, als Existenzial, als Wesen.

Alle drei Kapitel beginnen auch mit derselben Konstruktion: You put to­gether two things that have not been put together before. And the world is changed. Luftfahrt und Photographie kommen zusammen, und plötzlich kann man die Welt von oben be­trachten. Nadar tut das. Der Pionier und die Schauspielerin, zwei Exzentriker und Exoten, kommen zusammen, und in ihren Dialogen entstehen neue Verhaltens­mu­ster, Einschätzungen, Rollen. Ein Mann und eine Frau kommen zusammen, Julian Barnes und Pat Kavanagh, und in vierzig Ehejahren entsteht eine Welt. Was immer so zusammenkommt und Neues gebiert, kann abstürzen und stürzt auch ab.

Hinter dem Zusammenbringen dessen, was bislang nicht zusammengehört, steckt soaring, des Menschen Hang, sich mit Aufwinden in unbekannte Höhen hinauftragen zu lassen. Doch immer lauert der crash. Die frühe Luftfahrt wird zum Gleichnis des Menschlichen, das sich zwischen soaring und crashing bewegt. Das Verhältnis der beiden Exzentriker ebenfalls, das Menschsein als die Lust beschreibt, das Übliche,  Mit­telmässige, Gewöhnliche zu überwinden. Zwei Gleichnisse über das Vergessen der Schwerkraft, das Erleben der Freiheit, den Sturz aus dem Glück. Mit ihnen ver­steht Barnes seine eigene Erfahrung.

Er stellt Kunst, Religion und Liebe nebeneinander: als die drei Gebiete des soa­ring und crashing, am bekanntesten das der Liebe. In diesen Gebieten, findet er, gebe es die Auf­winde, die einen hochfahren lassen und zum Segeln und Gleiten bringen. Sie halten auch den Absturz bereit, wenn der Aufwind ausbleibt. Barnes hat ihn trauma­tisch miterlebt. Nur 37 Tage vergingen zwischen der Diagnose des Hirntumors und dem Tod seiner Frau. Ein Sturz in bodenlose Trauer.

Und das Gebiet der Religion? Welches soaring und crashing erlebe ich dort? Wel­ches hält sie mir ohne mein Zutun bereit? You put to­gether two things that have not been put together before. And the world is changed. Passiert dies nicht auch im Fall des Glaubens? Gnade kommt zur Sünde, und die Welt ist verändert. Leben zum Tod, Vergebung zur Schuld. Das dekliniert sich. Kann der neue Adam nicht mehr abstür­zen? Die Frage steht im Raum. Ist die Antwort auf sie selbst auch hochfliegend?

72 / 30.11.15