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71 Camenisch

Die Schönheit der Menschen zeigt sich bei Regen.

Arno Camenisch, Die Kur, 2015

Nicht nur die der Menschen, denke ich mir spontan. Auch die Schönheit der Land­schaft, der Blumen und Blät­ter, der Bäume und Wälder. Auch die der Häuser, der Kir­chen und Klöster, der Fassaden und Türknäufe. Auch die der Beziehungen, der Mie­nen und Ge­sichter, der Proportionen und Bewegungen.

Die Sentenz erinnert mich an die Erfahrungen des Photographierens mit zwei ph. An die Herausforderung, den Regentag in einer unbekannten Stadt zu bestehen und da­bei die Kamera nicht frustriert im Hotelzimmer liegen zu lassen. Jetzt erst recht! Auf ein­mal ist die Totale nicht mehr alles, sondern Details gewinnen an Glanz und Aus­strah­lung. Tropfen, die über ein Rhabarberblatt perlen. Pfützen, in denen sich eine bun­­te Fassade spiegelt. Graffiti, die in der Feuchte leuchten und das Grau ihrer Um­ge­bung sprengen. Jetzt erst recht! Muster, die Pilze und Moose seit vielen Jahren auf eine al­te Mauer zaubern, sind plötzlich attraktiv. Das Relief eines nassen Dolendec­kels, die Parade des Kopfsteinpflasters im Zwielicht, das beschlagene Schaufenster mit den Umrissen schöner Gläser. Jetzt erst recht! Welch ein Drama bieten sich tür­men­de Wol­kenberge vor dem Gewitter, steigende Nebel danach, Feuersbrünste ei­ner nie­der­­ge­henden Sonne im verschleierten Abendhimmel! Welch ein Schauspiel ge­ben trop­fen­übersäte Lotosblätter im Teich, nasse Rücken von Statuen im Park, gel­­be Herbst­blätter einer Akazie im alten Brunnen!

Nichts dagegen die Langeweile immerblauer Kreuzfahrtkataloge, die Eintönigkeit im­mergrüner Alpenwiesen in der Touristeninformation, die Banalität immerweisser In­sel­dörfer in der Werbung mediterraner Clubs. Nichts dagegen die platten Totalen ohne je­de Tiefe. Alles zu sehen, aber nichts zu erkennen. Alles da, aber keine Botschaft. Fo­­tografieren mit zwei f. Leicht ge­mach­te Schön­heit, die sich so gibt, aber keine ist. Standardisierte Gefälligkeiten und stereotype Muster. Ein Bild wie tausende. Lang­wie­­lig. Déjà-vu.

Die Frau, die in Camenischs Siebenundvierzigbilderbuch diese Sentenz fallen lässt, wirft die Frage in die Luft, was denn Schönheit ist. Sie hat einen Grund: Sie und ihr Mann sind alt, haben an einer Tombola ein paar Tage Luxushotel im Engadin gewon­nen, tappen nun in dieser edlen Glitzerwelt des Reichtums herum und starren eben gerade in den Engadiner Regen hinaus.

Was ist schön? Nur der junge Mensch mit straffer Haut? Das Engadin unter blauem Himmel? Die Edel­­ab­stei­ge bei Kenntnis des Comment? Nicht aber der alte Mensch mit schlaffer Haut? Nicht das verregnete Engadin? Nicht die billige Pension? Umge­kehrt gefragt: Was ist kitschig? Ein Sonnenuntergang mit prallen Farben?

Ich denke, die Wahrheit der Sentenz ist auch die Definition von Schönheit: Nicht die schiere Gefälligkeit macht etwas schön, nicht mein Wunsch, dass etwas so sei, wie es mir gefällt, nicht meine Konstruktion des Schönen, bei der dann auch schön sein muss, was ich schön sehen will. Schön ist nicht, was gefällt! Schön ist vielmehr, was herausfordert, was mich in Bewegung setzt, was mir eine Wahrheit zumutet. Und was mir plötzlich gefällt, weil ich diese Herausforderung annehme, mich auf sie ein­las­se und dabei verändere, weil mir gerade ein Neues und Unbekanntes aufgeht. Schön ist, was wahr wird und deshalb gefällt.

Kitsch aber entsteht durch Fotografieren mit f. Die Repetition des Beliebten, die Affir­mation des Gefälligen, die Heiligung des Stereotypen produzieren Kitsch. Nie können Sonne oder Himmel kitschig sein. Aber mein Sehen, wenn es keine Herausfor­derun­gen will und keine Überraschungen zulässt, kann sie kitschig sehen.

71 / 8.10.15