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70 Informatik & Mediamatik

Wir machen Zukunft.

Informatik & Mediamatik, Transparent, 2015

Hauptbahnhof Zürich. In der grossen Halle findet ein Event statt. Eine Leistungs­schau. Ich laufe täglich durch und könnte mich heute an diversen Stehti­schen über die Leistungen und Angebote der Informatik in­for­mieren. Auch über die der Mediama­tik, doch dieser Begriff ist mir noch gar nicht untergekommen. Ich bin al­lerdings auch nicht der Mensch für derlei Themen. Schon im Weg­­gehen sticht mir der Slogan des Events ins Auge. Ich photographiere ihn: Wir machen Zukunft.

Zukunft! Dass man sie beeinflussen könne, ist als Behauptung oft zu hören. Dass man ihr gewappnet sein solle, raten die Ratgeber. Dass man sie erfor­schen könne, wird von manchen be­haup­tet. Aber ma­chen? Als ob Zukunft ein Gemächt wäre, ein Machwerk, eine Mach­barkeit. Als ob einer sie wie der Handwerker ein Stück Holz oder der Künstler einen Klumpen Ton be­arbeiten könnte. Ein Objekt, das aus dem Formwillen von Subjekten hervorgeht. Im Feuer geschmiedet, durch den Hammer ge­trieben, mit der Axt gehauen. Massgeschneiderte Zukunft. Ist sie ein Konstrukt des Menschen, oder hat sie ein Eigenleben?

Machen! Hier seien Macher am Werk, signalisiert der Slogan. Aktivisten, Ingenieure, Praktiker. Jemand muss sie ja mal anpacken, die Zukunft. Ausweichen kann jeder. Den Kopf in den Sand stecken oder einen der drei Affen mimen. Homo fabers Enkel sind das, denke ich. Sie packen zu und fassen an, was andere entweder sich selbst oder irgendeiner numinosen Willkür überlassen. Hier kommt nichts, wie es kommt, sondern nur so, wie es praktischer Vernunft folgend kommen soll.

Wir! Wer sie wirklich sind, geht aus dem Slogan nicht hervor. Selbstbewusst sind sie jedenfalls. Eine verschworene Gruppe, eine Mannschaft, Helden. Weltmeisterlich un­terwegs, die Welt zu meistern. Oder ist es der plu­ra­lis maiestatis höfischer Rede? Das Wir von Kaiser und Papst?

Zuoberst in der alten Bahnhofshalle, die noch aus der Zeit stammt, als Bahnhöfe die neuen Kathedralen des Fortschritts waren und die neue Mobilität das Heil der Welt, zuoberst lässt das Transparent auch durchschei­nen, was die heimlichen Ängste der Postmoderne sind, wenn die Kathedralen des Glaubens sich leeren.

Die Angst, dass die Zukunft bedrohlich ist: Wann kommt die nächste Blase? Wo­hin mit den Flüchtlingen? Wer bezahlt die Ren­ten? Wann kommt die Gewalt hierher? Wer wird Arbeit haben? Sorgenbaro­meter geben Auskunft über das ranking der Äng­ste. Zukunft enthält Unbekanntes. Sie steht nicht nur in des Men­schen Hand. Er kann vieles, aber nicht alles. Auch Vergänglichkeit und Ungewissheit gehören zu ihr.

Die Angst, dass mit Machen nicht alles getan ist: Wann kommt die terminale Diagno­se? Wer hält die Welterwärmung auf? Wie mit Depression umgehen? Wer besiegt die unbesiegbaren Seuchen? Was versichert die Lebensversicherung? Das Gewirkte und Wirkliche, die gestaltete Wirklichkeit, ist nicht das Ganze, und die Welt der Fak­ten erklärt nicht das Sein. Der homo faber leistet Enormes. Doch das Mögliche bleibt grös­ser stets als das Wirkliche.

Die Angst, dass das Wir nicht hält, was das Ich sich von ihm verspricht: Wer bin ich, wenn ich niemand mehr bin? Wer hebt mich auf, wenn ich stürze? Wer liebt mich in meiner Ohnmacht? Wem kann ich trauen? Zu viel Wir, ob individuell oder kollektiv,  hat sich schon als tyrannisch und absolutistisch entpuppt und davongestohlen, wenn der letzte Spruch geklopft war.

Wir machen Zukunft. Der Slogan klingt mir nach wie das Pfeifen des Buben im dunk­len Keller. In der S-Bahn habe ich ihn bereits vergessen.

70 / 15.9.15