Message

69 Farrell

I believe in / communion: / bread wine / apples and us all / happy at table. // But not in saints.

Fiona Farrell, Creed, 1999

Darf sie das? Ein Credo schreiben? Und anderen darin mitteilen, was sie glaubt und was nicht? Geht das? – Sie hat es jedenfalls getan, die Lyrikerin aus Neuseeland. Fünf Glaubensgegenstän­de zählt sie auf, die zu ihrem Glaubensgut zählen, dazu als fünf Kontrapunkte jene, an die sie nicht glaubt. Fides quae also, Geglaub­tes und Nicht­geglaubtes. Dreimal stimmen sie überein mit kirchlichen Formulierungen: Verge­bung, Abendmahl und Leben. Richtig, wird der Theo­loge sagen, hier liegt sie auf der Linie. Die Institution gibt sich zufrieden und ist stille.

Aber schon die erste Formulierung liegt völlig daneben: I believe in the gingerbread man … Nein, das geht nicht! Und die fünfte ist ziemlich rätselhaft: Those immortelles, petals / fallen like yellow teeth / in the tomb, bearing the / form of flowers … Ist die Pro­­vokation erst mal geschluckt, entsteht Hunger auf Verstehen.

Farrell stellt in der ersten Formulierung nicht Gott in Frage, sondern das Gottesbild. Mit dem früh­kirch­lichen Gottesbild der Trinität kann sie nichts anfangen. Geht das? Institutionell wohl nicht, aber biblisch: Der gingerbread man, der mit dem Bauch­laden und auf Jahrmärkten herumzieht, um Kindern Lebkuchen zu verkaufen, steht dem Vater nahe, der seinem Sohn Brot zu essen gibt statt eines Steins (Mt 7,9), Fisch statt einer Schlange, ein Ei statt eines Skorpions (Lk 11,11). – Sie empfindet die Vor­stellung der Trinität wohl als Stein, der nicht nährt, sondern im Ma­gen liegt, als Schlan­ge und Skorpion, die nicht essbar sind, dafür giftig und gefähr­lich. Sie kritisiert verordnete Gottesbilder, die mehr belasten und verderben als nüt­zen. Geht das?

Und die fünfte und letzte Formulierung, die rätselhafte? Jene Blume, welche die Un­sterb­­liche genannt und als Strohblume überwintert wird, wenn sonst keine Blume blüht, darf bei Farrell ins offene Grab fallen. Aber an deren Duft und Atem glaubt sie nicht. Sie stellt nicht die Auferstehung in Frage, aber die Magie, die mit Unsterb­lich­keit und Reinkarnation verbunden ist. – Sie kritisiert den religiösen Aberglauben, der sich rund um das Sterben verbreitet, wenn der Glaube schwindet.

Die dritte Formulierung in der Mitte des Gedichts steht auch in der Mitte in­sti­tuti­o­nel­len Glaubens: I believe in communion. Jawohl, denkt der Theologe, Ge­mein­de ist com­munio, und communio ist die Kommunikationsgemeinschaft des Glau­bens. Sie hat ihr Wesen im Abendmahl, in bread und wine. Dort wird liturgisch kom­mu­ni­ziert und Gemeinde erlebt. Alles da, wunderbar! Doch dann fügt Farrell überra­schend als Glaubensgegenstände noch die Äpfel hinzu, die sich vertrauten Menschen am Tisch und deren Glücklichsein. Diese freilich fehlen in der Liturgie der In­stitution. – Far­rell vermisst die Alltäglichkeit des Apfels, die Vertrautheit der Gemeinde, das Glück der Frommen. Geht das? Institutionell gewiss nicht. Dort spielt rituelle Ordentlichkeit eine grössere Rolle als menschliches Empfinden. Biblisch hingegen schon. Jesus nimmt das gewöhnliche Abendessen als Vorlage für eine prophetische Zeichenhand­lung. Er rechnet mit der Vertrautheit der Menschen untereinander. Es geht ihm um ihr Glück. Heilen ist sein Ziel.

Darf Dichtung das? Ein eigenes Bekenntnis schreiben, das zugleich eine Kritik der Institution ist, die das liturgische Bekenntnis als raison d'être ja voraussetzt? – Ja, sie soll das sogar. Wenn sich die Institution der Lebendigkeit des Glaubens bemächtigt und das Leben ihrer Menschen vergisst, tut prophetische Dichtung das auch. (Am 5,21-24). Die Institution soll dem Menschen gerecht werden, nicht der Mensch der In­stitution.

69 / 15.9.15