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68 Ireland

Names can break bones.

Kevin Ireland, Mururoa: The Name of the Place, Christchurch 1997

Letzte Zeile von elf Terzinen. Schluss aus elf Dreizeilern. Merkvers fürs Stammbuch. Vier trockene Wörter: Namen können Knochen brechen.

Mururoa. Gemeint ist der Name eines Atolls. Jener Inselgruppe von Französisch Po­ly­ne­sien, wo der französische Staat dreissig Jahre lang Atombomben getestet hat (1966-96), 147 unterirdisch und 41 überirdisch. Jenes Gebiets im Département Out­re-Mer, das seit 2000 zwar von den Testern verlassen, für die Einheimischen aber bis heute ein verseuchtes Sperrgebiet ist. Jener Traumwelt in der Südsee also, die öko­lo­gisch für immer ausgeträumt hat. Mururoa. Der Name des Atolls bedeutet in der Spra­­­­che derer, die vor den Kolonialherren dort zu Hause waren und nach ihnen dort zu Hause sein werden: Grosses Geheimnis

Der Neuseeländer Kevin Ireland beschreibt die Sprengkraft eines Namens. Klein kön­­ne die Insel sein, die Silben ihres Namens aber so gross wie ein Kontinent. Wie Betlehem-Efrata, zu klein, um zu den Tausendschaften von Juda zu zählen (Mi 5,1), dann aber Geburtsort des Messias (Mt 2,6): das grosse Geheimnis des Glücks. Ge­fähr­lich sei es, solche Namen zu vergessen, denn sie gehörten zu den maps in the brain. Wie Ninive, die grosse Stadt, in der über hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht unterscheiden können zwischen ihrer Rechten und ihrer Linken (Jona 4,11), deshalb aber ein Ort der göttlicher Gnade, Barmherzigkeit und Langmut (Jona 4,2): das grosse Geheimnis des Glücks. Namen könnten den Klang tragen von ber­sten­den Glet­schern oder pfeifenden Winden, könnten schmecken wie Sirup oder Salz. Wie die Städte Sodom und Gomorrha, auf die Schwefel und Feuer regnen wie von einem Vulkan und bei deren Anblick Lots Frau zur Salzsäule erstarrt (Gen 19,23-26): das grosse Geheimnis des Unglücks.

Namen können Knochen brechen wie die Namen Auschwitz oder Treblinka, Katyn oder Lidice, wie die Namen Tschernobyl oder Fukushima, wie Bhopal. Na­men, ob von kleinen oder grossen Orten, immer noch bestehenden oder längst verschwunde­nen, können so stark sein, dass Tyrannen vor ihnen zittern wie Herodes vor Betle­hem (Mt 2,1-18). Ein Fluch kann am Namen haften wie an Mururoa, der missbrauch­ten Erde, oder an Sodom und Gomorrha, der missbrauchten Gastfreundschaft. Ein Segen wie an Eden, dem ewigen Versprechen des Wohlseins und Friedens.

Vielleicht ist die Gefahr, seine Knochen zu brechen, umso grösser, je besser verges­sen so ein Name ist, umso kleiner, je besser er erinnert wird. Vergangen geglaubte Bil­der sind plötzlich wieder da: Familien auf der Flucht, Menschen auf Bahngeleisen, über­füllte Züge, Sprünge über Stacheldraht, angeschwemmte Kinderleichen, gefühl­lo­se Polizisten, Essensabgabe wie im Zoo. Auf einmal wird aus einer Stadt in Ungarn So­dom und Gomorrha, aus einer Tunneleinfahrt in Frankreich das Schilfmeer und aus einer politischen Metropole in England Ninive. Auf einmal ist die beschworene Leit­kultur kei­nen Pfifferling mehr wert, und über die Vergess­­lichen kommen knochen­brechende Namen von einst. Heimsuchungen.

Der Neuseeländer Kevin Ireland erinnert an den Segen der Erinnerung: Wer solche Na­men, und deren Liste ist lang, memoriert, schützt seine Knochen. Wer sie vergisst, setzt sich Brüchen aus. Jetzt wie einst. Polynesisch Mururoa bedeutet Grosses Ge­heim­nis. Erin­ne­rung stärkt und schützt, äufnet eine Apotheke starker Namen, macht den Erinnern­den zum Geheimnisträger. Sie verhindert Wiederholungen, die ein Fluch sind, und er­möglicht Wiederholungen, die ein Segen sind.

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