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67 Zbigniew

Wiederhole die alten Menschheitsbeschwörungen Märchen Legenden / denn so er­reichst du das dir unerreichbare Gut / wiederhole die grossen Worte wiederhole sie trotzig / wie Wüstenwanderer sie wiederholen im Sande verendend

Zbigniew Herbert, Des Herrn Cogito Vermächtnis, polnisch 1974

Wiederholung. Der polnische Lyriker (1924-98) wiederholt die Aufforderung zur Wie­derholung in derselben Strophe gleich viermal. Sein literarisches Vermächtnis hat drei­zehn Strophen, von denen zehn mit einem Imperativ beginnen. Fast ein Dekalog. Wiederhole ist das achte Gebot. Die Em­pfehlungen eines Fünfzigjährigen sind dies, der den deut­schen Überfall auf Polen (1939), das Ende der Zweiten Republik (1940), den Verlust seiner galizischen Heimat (1945), die Installierung eines autoritären Re­gimes (1945) und den Ostvertrag mit der Generation Willy Brandts (1970) miterlebt hat und den Aufstand der Solidarność (1980), die Ausru­fung der Dritten Republik (1989) und den Austritt aus dem Warschauer Pakt (1991) noch miterleben würde. Viel für ein einziges Leben. Die Verschiebung eines ganzen Landes von Ost nach West, die Zwangsumsiedelung von eineinhalb Millionen Men­schen, Verhöhnung und Versöhnung allenthalben. Eigentlich zu viel für ein Leben.

Wiederholung. In einer Epoche mit derartig gewaltigen, mörderischen und nachhalti­gen Erschütterungen empfiehlt Herbert Geschichten statt Geschichte, Märchen und Legenden statt täglicher Nachrichten, das unerreichbare Gut vor aller Zeit statt des aufdringlichen Bösen, das sich mit Pushmeldungen und Lifetickern ungefragt ins Be­wusstsein frisst. Menschheitsbeschwörungen empfiehlt er und grosse Worte, die aus der Vorgeschichte stammen, aus dem kulturellen Gedächtnis der Welt, aus dem My­thos. Da empfiehlt er dasselbe, was im Entstehen biblischer Geschichtsschreibung ge­schehen war: Je aussichtsloser Israels Gegenwart war, de­sto weiter zurück ging der Blick der Geschichtsschreiber. Die Menschheitsbeschwörungen eines Mose oder lange vor ihm eines Abraham berich­ten zwar von viel Älterem, sind aber als Bestand­teile der Geschichtsschreibung jung. Am jüngsten sind die grossen Wor­te der Urge­schichten. Deshalb ist die Frage müssig, ob Kain und Abel oder Eva und Adam ge­lebt hätten. Nein, sie gehören zum unerreichbaren Gut. Das ist ihr Sinn.

Wiederholung. Herbert empfiehlt, was die mutmasslich ersten Historiographen der Bibel sechsmal empfehlen: Und wenn dein Sohn dich künftig fragt: Warum das?, dann sollst du zu ihm sagen … (Ex 13,14) Ist die Gegenwart zu viel für ein einziges Leben, dann hilft die Wiederholung, die rituell eingebundene Erinnerung an das un­erreichbare Gut vor der Geschichte. An die Zeit der Geschichten, und seien sie nicht mehr als Märchen und Legenden. Nicht mehr? Umgekehrt, würde Herbert antworten: Ge­schichten sind mehr als Geschichte! Sie sind Schatzkiste, Menschheitsgut, Erin­ne­­rungspotenzial. Ihre Kraft trotzt einer Gegenwart, die nur noch Gegenwart ist und sonst nichts. Ihre Kraft ist selbst dann stark, wenn der Wüstenwanderer, sich ihrer er­in­nernd, im Sand verendet. Jenem mythischen Mose gleich, der seine Leute durch die Wüste getrieben hatte, bis sie das gelobte Land vor sich sahen, das er selbst aber nicht mehr betreten konnte. Unerreichbares Gut.

Wiederholung. Herbert teilt das polnische Erleben des letzten Jahrhunderts. Eigent­lich zu viel für ein Leben. Herr Cogito, seine Kunstfigur, mit der er denkt und ergo ist, vermacht den Nachgeborenen diese polnische Erfahrung: Ohne die treibenden Ge­schichten von einst im Kopf ist die vernichtende Geschichte von jetzt nicht zu überle­ben. Herbert hat überlebt. Sein Rat ist wertvoll. Wiederhole!

Übrigens, die letzte Strophe, die mit dem zehnten Imperativ und dem ultimativen Ge­bot, ist auch die kürzeste: Bleibe treu und geh (Ein Gedicht ohne Punkt.)

67 / 27.8.15