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66 Stamm

Es fuhr der Geist auf unsichtbarer Schwinge / allmächtig schaffend in die kleinsten Dinge.

Karl Stamm, Das Hohe Lied / Das Lied an die Natur, 1911

Hundert Sonette hat er in seinem ersten Gedichtband ver­sammelt, der Zwanzigjäh­ri­ge aus Wädenswil am Zürichsee. Karl Stamm (1890-1919), frühvollendet und früh­ver­storben, steht am Übergang von roman­ti­schem Pathos zu expressionistischem Engagement. Sein Hohes Lied gliedert in drei Abteilungen, nämlich Naturliebe, Part­nerliebe und Gottesliebe, was das Hohelied der Bibel stets zusammen nimmt. Als ob er drei Stockwerke des Kosmos besänge, findet mit Blick nach unten die Schöp­fung, mit Blick auf Augenhöhe die Erotik und mit Blick nach oben die Gottesminne zum Aus­druck. Beseelte Natur, beseelte Bezie­hung, be­seel­ter Glaube. Diese drei als die Trinität menschlicher Gerichtetheit und Abhängig­keit entwickeln engagierte Bilder und starke Expressivität. Das war 1911.

1911-12 hatte der Künstlerkreis des Blauen Reiters seine epochalen Ausstellungen. 1910-14 ging Franz Marc, der Maler der Tiere, Schritt für Schritt über vom Naturalis­mus, der nach der Natur malte, zur Abstraktion, die am Wesen des Gegenstands in­teressiert war, Marc an der Tierheit des Tiers, an seiner Seele. 1911 besuchten Marc und Vassilij Kandinskij ein Konzert von Arnold Schönberg, und unter dem Eindruck seiner neu­en Tonalität dankte ihm Kandinskij wenige Tage später mit seinem ersten abstrak­ten Bild. Übergänge.

Engagement fürs Wesentliche statt Spiegelung des Sichtbaren. In Musik, Sprache und Kunst sind die Jahre 1909-13 Jahre des Übergangs. Das Wesen von Tönen, Wör­­­tern und Farben wurde beschworen, immer keck, kraftvoll, ausdrucksstark, im­mer provokativ und allumfassend, immer ungewohnt. Stamm sieht das Ubiquitäre und Herausfordernde bereits im Schöpfungshandeln des Schöpfers und nicht erst in der Revolution der Künste kurz vor dem ersten weltweiten und himmelschreienden Krieg (1914-18). Gott ist es, der beseelend noch in die klein­sten Dinge fährt und in ih­nen macht­voll wirkt. Allmächtig gar, wie es keine der Kün­ste, die neue Kriegskunst schon gar nicht, kann.

Die beseelte Natur und das göttli­che Kleine sind zwei gegenständige Bilder. Les ex­trê­mes se touchent. Makrokosmos und Mikrokosmos spiegeln sich ineinander, denn derselbe Geist ist auf unsichtbarer Schwinge ins Grösste wie ins Kleinste gefahren. Der mit der Spanne seiner Hand den Himmel abgemessen hat, nimmt sogar den Trop­­­fen in einem Eimer wahr (Jes 40,12-15). Klopstock feiert den Frühling so, dass er gerade nicht macht, was schwul­stig so naheläge, nämlich sich in den Ozean der Welten alle zu stürzen. Nein er be­singt die göttliche Seele des Frühlings, indem er dem Kleinsten huldigt: Halleluja! Hal­leluja! Der Tropfen am Eimer / Rann aus der Hand des Allmächtigen auch! (1771) Adalbert Stifter nennt es das sanfte Gesetz, je­ne eine Kraft, die den Milchhafen der Kät­nerin genauso zum Überquellen bringen kann wie einen Vulkan (1852).

Für Karl Stamm ist diese Kraft des Schöpfers seine Liebe. Sie ruht in den grössten und kleinsten Din­gen. Die bunten Steine, denen Stifter einen Zyk­lus von Erzäh­lun­gen widmet (1853), sind von ihm geliebt wie das Mücklein, dem Gottfried Keller ein Kapi­tel sei­nes Romans schenkt (1879). Seine Liebe ist einzig. Bevor der Mensch kam, ist sie in die Ge­schöp­fe gefah­ren. Sie sind geliebt. Erzählen von der Verliebtheit ihres Schöpfers. Ihr Wesen ist, findet Stamm (1911), von einem liebes­trunkenen Gott zu zeugen. – Wie grauenhaft dagegen drei Jahre später der grosse Krieg der Welten alle und acht Jahre später die Tropfen der mörderischen Spanischen Grippe

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