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65 Morris

Alice dachte, nein. Es waren nicht der Krieg und die aufgebrachten Veteranen; es wa­ren nicht die Scharen und Scharen von Farbigen, die zu den Lohntüten und auf Strassen voll von ihresgleichen strömten. Es war die Musik. Die dreckige Los-mach-schon-Musik, die die Frauen sangen und die Männer spielten und zu der beide tanz­ten, eng und schamlos oder getrennt und wild. Davon war Alice überzeugt, und auch die Miller-Schwestern in der Küche, wo sie in ihre Postum-Tassen pusteten. Die Mu­sik liess einen kopflose, unbotmässige Dinge tun. Sie nur zu hören, glich einer Ge­set­zes­übertretung.

Toni Morrison, Jazz, amerikanisch 1992

Sie wuchsen in Virginia auf. Damals lebten noch viele Schwarze, die als Sklaven ge­boren worden waren. Ihre Kindheit war noch die von gerade eben befreiten Sklaven. 1906 zogen Joe und Violet dann wie so viele African Ame­ri­cans aus den Südstaaten nach Harlem. Man war jetzt frei und konnte seine Bleibe wählen. New York explodier­te. Das schnell wachsende Quartier lag nördlich vom Central Park auf der Insel Man­hat­tan, die seit einigen Jahren zum Ort weltweiter Sehnsucht nach Glück ge­wor­­den war. Der pursuit of happiness (1776) war endlich auch für Menschen, die nicht weiss waren, grund­recht­lich vorgesehen.

Joe und Violet gelingt ein einfaches Leben als Haushalts­hil­fe und Kosmetikvertreter. 1925 verliebt sich der alte Joe aber in eine Achtzehnjährige, und das Drama nimmt seinen Lauf. Die junge Frau be­gegnet aber bald einem Gleichal­tri­gen, tanzt mit ihm davon und wird von Joe erschossen. Nun ist 1926, die Gegenwart des Romans. So­weit der Plot, der gleich zu Anfang des Buchs mit der Tür ins Haus fällt.

Das erste Wort des Romans aber ist kein Wort, nicht mal eine richtige In­terjektion: Pfh. Man könnte es rasch vergessen, wären da nicht in rhythmischer Wie­der­holung Elemente, die wesentlicher sind als der Plot: kleine Beschreibungen urba­nen Le­bens, tiefe Einblicke in triviale Alltagsabläufe, diffuse Stimmungen aus Bild und Mu­sik. Da­für scheint pfh gleich zu Beginn zu stehen: für Stimmung, die mit Wör­tern nur beschrieben, aber nicht erlebt werden kann. Pfh steht für ein neues Lebensgefühl, in dem sich Altes und Neues untrennbar verweben: die Polyrhythmie Afrikas und die Po­lyphonie Europas, der Herzschlag der Trommeln und der Melodienschatz der Romantik, Schwüles aus dem Süden und Klares aus dem Norden, Sprache der Haut und Sprache des Hirns. Verwoben in Harlem und gelebt auf Manhattan, so entsteht 1890-1930 Neues: der Crossover des Jazz, die Wörterflut der Megalopolis, die blue note der Sehnsucht. Fitzgeralds Great Gatsby (1925) be­schrieb die Welt der Weis­sen, die sich den roaring twenties, wenn sie zu heftig wur­den, nach Long Island ent­zogen. Mor­risons Jazz (1992) trägt siebzig Jahre später die Welt der Schwarzen nach, die in Harlem bleiben mussten, egal, wie heftig die neue Welt röhrte.

Jazz ist sinister, zwielichtig, kontaminierend. Jazz verführt zu kopflosen, unbotmässi­gen Dingen. Jazz bringt Dreckiges, Schamloses, Wildes ans Licht und zieht die klare Vernunft hin­ab in emotionale Abgründe. Unklar wie die Herkunft des Worts – von jasi, einem Tanz der Man­din­go, oder von jasm, französisch für Vitalität, oder von jism, vul­­gär für Eja­ku­lat – ist der Weg dieser chaotischen Negermusik: Untergräbt oder för­dert sie die Kultur? Versetzt sie Europa in den Regenwald? Schädigt oder erlöst sie? Die Nazis zeigten 1938 für ihre Aus­stel­lung über Entartete Musik einen Schwarzen, der mit schwulstigen Lip­pen Saxo­phon spielt und auf dem Revers einen Judenstern trägt. Jazz als Gesetzes­übertre­tung? Nein! Nein! Nein!

Die Musik verneigt sich, fällt auf die Knie, um alle zu umarmen, sie alle zu ermutigen, ein wenig zu leben, nun los doch, denn schliesslich ist dies hier, was ihr alle sucht.

65 / 21.8.15