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64 Gračev

Die Bibliothekarin dachte ebenfalls nicht an das Glück. Sie wollte ihnen sagen, dass ihr ebenso fröhlich zumute sei, dass sie ebenfalls ins Kino gehe und – seht nur – dass sie ebenfalls lächle. / Aber sie war nicht mehr jung und wusste, was Glück ist. Deshalb beschloss sie, es niemandem zu sagen.

Reed Gračev, Disput über das Glück, russisch 1961

Reed Iosidovič Gračev (1935-2004) sei im Russland von heute ein Vergessener, im Tauwetter der 60er hingegen ein Verehrter gewesen. Nach der fremdgesteuerten Er­zählkunst des Stalinismus ist Gračevs Sprache nüchtern statt pathetisch, erdig statt wolkig, flimmernd statt eindeutig.

Die kurze Erzählung hat ihren Ort im Katharinenpark, dem Landschaftspark 25km südlich von Sankt Petersburg, wo auch der grosse Katharinen­pa­last steht, jene Za­ren­residenz, die durch das Bernsteinzimmer be­kannt geworden ist. In einem Flügel der Residenz ist das Kaiserliche Lyzeum Zars­koje Selo untergebracht. In der Biblio­thek findet der Disput zum Thema Was ist Glück? statt.

Ort, Personen und Handlung, die drei Dimensionen des Thea­ters, passen hier über­haupt nicht zusammen: Im Zentrum der imperialistischen Macht und in der Eliteschu­le der Unterdücker von einst treffen sich zwölf Rentner und ein Trupp Soldaten, Pro­ta­gonisten der bolchewistischen Revolution und Unterdrück­te des realen Sozialis­mus, um unter Anleitung der Bibliothekarin über das Glück zu disputieren. Ein ideolo­gisch inszenierter Disput, denn im Zarismus wie im Sozialis­mus ist die Frage des Glücks, wenn auch völlig verschieden, so doch längst beant­wor­tet. Eigentlich kann es nur um die Kontrolle eingetrichterter Antworten auf frisierte Fragen gehen.

Die Antworten sind überraschend bunt: Arbeit sei Glück, hat der linientreue Rent­­ner gelernt. Die Erinnerung an einen freundlichen jungen Arzt, sagt eine rotwan­gige alte Frau ganz ungefärbt. Keine Spiesser als Nachbarn zu haben, findet ein Rent­ner, der noch nie einem Spiesser begegnet ist. Die Bibliothekarin denkt für sich, ihr Glück sei­en die Geräusche und Bilder des Parks, die kommen und ge­hen, doch laut sagt sie die üblichen Worte, die Bibliothekare sagen, wenn sie Dispute über das Glück eröff­nen bzw. beenden. Die Soldaten sagen nichts, sondern war­ten aufs Kino. Dann ist der Disput vorbei, und alle gehen unverändert und unberührt ihrer Wege.

Auch die Bibliothekarin, deren Gedanken bei den Soldaten sind. Sie weiss, dass die Burschen einfach jung sind, einfach schön und einfach trunken vor Glück. Nun ge­hen sie einfach ins Kino. Sie kennt diese vierfache Einfachheit, diese jugendliche Simpli­zi­tät, dieses unreflektierte Drinsein im Glück. Sie erinnert sich an die eigene Ju­gend, aber sie weiss, dass dies bei ihr, im Altern, im Rausfallen aus dem fraglosen Drinsein nicht mehr so ist. Wieso? Weil Ideologie vorschreibt, was Glück ist? Weil sich vorge­schriebenes Glück ebenso wenig einstellt, auch im Tauwetter nicht, wie sich jugend­liche Einfachheit konservieren lässt?

All das weiss sie, die Bibliothekarin an der Eliteschule der Zaren, aber sie sagt es nicht. Das klingt wie skeptische biblische Weisheit: Denke an deinen Schöp­­­fer in die­nen Jugendtagen, / bevor die schlechten Tage sich nahen / und Jahre kommen, von denen du sagen wirst: Sie gefallen mir nicht. Die wunderbar melan­cho­li­sche Elegie am Schluss des Buchs Kohelet (Koh 11,9-12,7), eine Perle, atmet die­sel­be Un­gleich­­zeitig­keit von Erlebnis und Erfahrung: Der Junge, der Glück erlebt, ist drinnen im Glück, denkt nicht drüber nach und schweigt genau deshalb im Disput. Die Alte, die Glück erfahren hat, ist draussen aus dem Glück, denkt drüber nach und schweigt ge­nau deshalb im Disput. Vom Glück, wie es ist, kann man so oder so, auch im Tau­wet­ter, nur schweigen. Reden über Glück, wie es war, ist Haschen nach Wind.

64 / 18.8.15