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63 Silesius

Der Glaube Senffkorns gross versetzt den Berg ins Meer: / Dänkt was Er könnte thun, wann er ein kürbis wär!

Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann 1/221, 1657


Welch eine herrliche Vorstellung: das Senfkorn! Zwei Millimeter gross ist das Korn des weissen Senfs. Ob weisser, schwarzer oder gelber Senf, ob als Staude bis hun­dertfünfzig Zen­­timeter Höhe oder als Senfbaum bis sechshundert, das Staunen über die Kleine des Samens und die Grösse seiner Pflanze war immer schon gross.

Granum sinapis, das Senfkorn, hat es als kleinste der küchentauglichen Sämereien zu grösster Bedeutung gebracht. Jesus verwendete es in einem seiner kleinsten Gleich­nis­se über das Reich Gottes: Es ist wie ein Senfkorn, das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden, das in die Erde gesät wird. Ist es gesät, geht es auf und wird grösser als alle anderen Gewächse und treibt so grosse Zweige, dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können. (Mk 4,31) Nicht nur für das Gottes­reich, und wie es sich ausbreitet, steht das Senfkorn bei Jesus, sondern auch für den Glauben, und was er bewirkt: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, werdet ihr zu diesem Berg sagen: Bewege dich von hier nach dort, und er wird sich wegbewegen. (Mt 17,20). Glaube mit der gigantischen Kraft von Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Plattentektonik. Gottesreich und Menschenglaube fanden schliesslich zusam­men in einem anonymen Ge­dicht: dem berühmten granum sinapis aus der deutschen Mystik des hohen Mittelal­ters: In dem begin / hô uber sin / ist ie daz wort. / ô rîcher hort, / dâ ie begin begin gebar! Nun sind das göttliche Wort, Gott, der Wort ist, und Wort, das Gott ist (Joh 1,1-4), das mystische Senfkorn. Das achtstrophige Gedicht ist der mysti­sche Weg, der vom Einen, aus dem Alles wird, zu Allem führt, in dem der Eine ver­sinkt: sink al mîn icht / in gotis nicht, / sink in dî grundelôze vlût! Kleinstes und Gröss­tes fallen für den Mysti­ker nun zusammen.

Welch eine herrliche Vorstellung: das Senfkorn und der Kürbis! Angelus Silesius (1624-77), in Padova zum Doktor der Philosophie und der Medizin promoviert, hat die Traditionen des granum sinapis gewiss gut gekannt. Dreitausend­mal grösser ist der Senfbaum als das Senfkorn, aus dem er entstanden ist. Ein ge­wal­ti­ges Potenzial! Mit barocker Fabulierlust setzt er eine rhetorische Hyperbole obendrauf: Die Pflanze des Gartenkürbis wächst täglich um vierzehn Zentimeter und erreicht eine Grösse von tausend Zentimetern. Der Kürbis selbst kann bis vierzig Zentimeter Durchmesser ha­ben! Damit ist er zweihundertmal grösser als das Senfkorn. Wenn also zwei Milli­me­ter Senfkorn den Berg ins Meer versetzen, was versetzen dann vierhundert Milli­me­ter Kürbis wohin? Ein gewaltiges Potenzial!

Gottesreich und Menschenglaube: In zwei Bildern, die aus dem eigenen Garten kom­­­men, und in zwei Zeilen, die sich dem eigenen Gedächtnis einprägen, verdeutlicht Si­lesius ein Potenzial, das nicht von dieser Welt ist und doch in dieser Welt wirkt. Es ist die Dynamik, das Potenzial, die Möglichkeit Gottes. Unver­füg­bar wie das Gottes­reich, aber erfahrbar wie der Menschenglaube, bleiben beide Gottesgaben, wie auch Senf und Kürbis Geschöpfe des Schöpfers sind.

Übrigens: Der Senf stammt aus China, wo er seit dreitausend Jahren bekannt ist, und der Senfbaum, die salvadora persica, die wohl am meisten die Vorstellung be­flü­gelte, stammt aus Persien. Cucurbita, der Kürbis, stammt aus México, wo er sogar schon seit achttausend Jahren domestiziert ist. 1657 nutzte Silesius diese Panzer­bee­re, die Europäern frühestens 1520 zu Gesicht gekommen war. Kleine Mi­gran­ten mit kultureller Wirkung, nachhaltiger Integration, fragloser Nützlich­keit und geistli­chem Witz.

63 / 17.8.15