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62 Schiller

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei / Und würd er in Ketten geboren. / Lasst euch nicht irren des Pöbels Geschrei, / Nicht den Missbrauch rasender Toren. / Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, / Vor dem freien Menschen erzittert nicht.

Friedrich Schiller, Die Worte des Glaubens, 1797

Welche Freiheit? Auch die, Durst und Hunger zu stillen, nicht den ganzen Tag mit der Nahrungssuche zu verbringen, keine Sorge um die Sauberkeit des Wassers und den Nährwert des Essens zu haben? Wenn ja, dann gibt es kei­ne Wirtschaftsflüchtlinge. Dann zittert Europa vor der Freiheit derer, die der Misere aus Unterversorgung, unfä­higer Regierung und niedriger Lebenserwartung den Rücken kehren und nach bes­se­ren Lebensbedingungen Ausschau halten. Dann hat Europa schlicht Angst vor afri­ka­nischen und asiatischen Sklaven, die ihre Ket­­­ten brechen, um zu leben.

Welche Freiheit? Auch die, Heimat zu verlassen und Heimat zu finden? Die unvor­stell­bar schmerzhafte Freiheit, hoffnungslose Heimat aufzugeben, Bindungen zu zer­reissen, Liebste zu verlassen? Und die nicht weniger belastende Freiheit, in einer völ­lig anderen Welt heimisch zu werden, Sprache zu erwerben, Beziehungen zu knüp­fen, Achtung zu finden? Überdies die Freiheit, aus der neuen Heimat den Lieb­­sten in der alten Unterstützung zukommen zu lassen? Wenn ja, dann gibt es Migra­tion, wie es sie zu allen Zeiten der Geschichte gegeben hat. Abraham und Sara wa­ren Migranten, Mose und Mirjam ebenso. Wirtschaftsflüchtlinge, um des Pö­bels Ge­schrei zu zitieren. Auch Jesus musste als Säugling vor einem rasenden To­ren emi­grie­ren.

Welche Freiheit? Auch die des Denkens? Die Freiheit, genauer hinzuschauen und tie­fer zu verstehen, als der Pöbel das kann und will, weil ihn eher Angst als Freiheit leitet? Die Freiheit, die eigene Regierung als undemokratisch und diktatorisch oder schlicht als korrupt zu durchschauen und deshalb ihrer rasenden Unfähigkeit zu ent­kommen, bevor man nur noch ohnmächtiges Opfer ist?  Wenn ja, dann sind Men­schen, die sich an europäischem Stacheldraht die Schenkel aufreissen, um frei zu sein und leben zu können, auch Botschafter kommender Revolution. Vielleicht einer an beiden Orten, in der alten und in der neuen Heimat. Wie hatte die Migration des Chri­sten­tums Europa einst christianisiert! Wie hatte christliche Ethik Unrechtsherr­schaf­ten immer wieder revolutioniert!

Schiller meint die Freiheit des Lebens. Lebensfreiheit, dafür sei der Mensch erschaf­fen. Er hat ein Menschenrecht auf Leben. Damals war das revolutionär. Solche Frei­heit war nie selbstverständlich und ist stets gefährlich. Life, Liberty and the pursuit of Happiness sind deshalb in der amerikanischen Declaration of Independence (1776) die drei inalienable rights. Freiheit ist ein Lebensrecht, Leben ein Freiheitsrecht. Bei­de sind Rechte auf Glück. Alle drei sind unveräusserliche Rechte jedes Menschen, und würd er in Ketten geboren. Liberté, Égalité, Fraternité forderte erstmals Robes­pierre, der Revolutionär (1790), und seit der Februarrevolution (1848) stehen sie als staatliche Losung in der französischen Verfassung: Freiheit, Gleichheit, Geschwister­lichkeit. Revolutionäre Rechte, staatlich geschützt!

Jedes Menschen? Auch eines Schwarzen? Auch einer Verschleierten? Auch von Kin­dern, Kranken, Traumatisierten, Arbeitsunfähigen? Auch von Andersreligiösen? Schil­ler sagt dazu ja. Seine drei Worte, über die er sein Gedicht schreibt, heissen Freiheit, Tugend, Gott und sind Worte des Glaubens. Die Freiheit, leben zu können und nicht sterben zu müssen, ob durch Hunger oder Gewalt, ist eine Gabe des Schöpfers an alle Geschöpfe, ob in Afrika, Asien oder Europa. Dem Menschen ist nimmer sein Wort geraubt, / Solang er noch an die drei Worte glaubt. Wer nicht glaubt, schweige!

62 / 14.8.15