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61 Han Fe-dse

Unter den Leuten von Tschu gab es einen, der Schilde und Lanzen verkaufte. Er pries sie folgendermassen an: "Meine Schilde sind so fest, dass nichts sie durchboh­ren kann. Dann pries er seine Lanzen an: "Meine Lanzen sind so spitz, dass nichts ihnen widersteht." / Jemand sagte: "Wie wäre es, mit Euren Lanzen Eure Schilde zu durchbohren?" / Der Mann konnte nichts darauf antworten.

Han Fe-dse, Sün-dse 36, in Mandarin vor 233 v.Chr.

Das kennt man doch! Erstaunlich ist nur, wie alt diese Art der Werbung schon ist. Fe-dse starb 233v und war ein Schüler des Sün-dse (um 300-230v), unter dessen Na­men auch seine konfuzianische Weisheit publiziert und tra­diert wurde. Das war zur Zeit der streitenden Rei­che (475-221v), von denen sich schliesslich dasjenige der Qin-Dynastie durch­setzen konnte (221-207v), jener bedeutsamen Dynastie (255-206v), die dem Land China und der Wissenschaft der Sinologie den Namen gab. Chi­nesen waren die Untertanen der sechs Kaiser der Qin.

Auch damals also schon! Der Mund wird so voll genommen wie nur möglich, das Pro­­­dukt so gross gesprochen wie nur vorstellbar. Diese Schilde und Lanzen sind ein­fach su­per, würde man heute sagen. Der Superlativ ist die bestimmende Sprachform der Wer­­bung. Von den drei Stufen der Komparation reicht der Positiv, die Grundstu­fe, nicht aus zur Beschreibung. Diese Schilde und Lanzen sind nicht einfach nur po­si­tiv, obwohl diese Vollmundigen sich oft auch dem positive thinking verbunden füh­len. Auch der Komparativ, die Vergleichsstufe, genügt offenbar nicht. Diese Schilde und Lanzen dulden einfach keinen Vergleich, obwohl dieselben Grosssprecher in der Re­gel den Wettbewerb der Marktwirtschaft verteidigen. Nein, diesen Schilden und Lan­­zen ziemt einfach nur der Superlativ, die Höchststufe.

Der Preis für derartige Vollmundigkeit und Grosssprecherei ist die Simplifizierung: Es muss einfach so sein! Die Gesetze der Relation, der Rhetorik, der Logik sind ausser Kraft, wo Produkte um jeden Preis angepriesen werden. Eine einzige schlaue Frage aber lässt die Luft aus der geilen Blase. Hier nutzt sie die Logik.

Zur Zeit der streitenden Reiche werden auch Art und Nutzung der Produkte eine pi­kante Rolle gespielt haben: Es handelt sich um Waffen für Krieger, um Kriegsmate­rial für verfeindete Reiche. Die logische Frage des potentiellen Kunden entlarvt nicht nur rhetorischen Unsinn, sie deckt auch ethische Unmoral auf. Es ist ja der­selbe Händler von Angriffswaffen und Verteidigungsmitteln, wie es heute oft diesel­ben Firmen sind, die beide kriegsführende Parteien beliefern. Sie verdienen gut an der Unlogik ihrer Wer­bung. Sie machen Dollars und Franken auf beiden Seiten. Ihr In­teresse kann nur sein, dass die Zeit der streitenden Reiche nie endet.

Für Fe-dse, einen der grossen Lehrer konfuzianischer Ethik, ist die weisheitliche Pa­ra­bel ein Plädoyer für Bescheidenheit im Sprechen und Aufrich­tigkeit im Handeln. Die Gesetze der Relation, der Rhetorik, der Logik haben immer auch eine ethische Di­men­sion. Ein Marktschreier sagt kaum die Wahrheit und dient ihr eher selten. Sei­ne Interessen sind die Interessen seiner Bank.

Was würden Fe-dse und Deuterojesaja einander erzählen, sässen sie heute bei ei­nem Cosmopolitan in einer Zürcher Bar? Der eine würde vielleicht seine Parabel zi­tieren, der andere sein Lied: Seht meinen Diener, ich halte ihn, / meinen Erwählten, an ihm habe ich Gefallen. / Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, / das Recht trägt er hinaus zu den Nationen. / Er schreit nicht und wird nicht laut / und lässt seine Stimme nicht hören auf der Gasse. (Jes 42,1-2) Beide entsprechen einander wie Stück und Ge­­genstück. Bescheiden und aufrichtig statt laut und listig. Recht statt Streit. Frie­den. Ihre Interessen sind die Interessen der Menschen.

61 / 13.8.15