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60 Ransmayr

Als Pavlik sich irgendwann zu fragen begann, ob denn auch die Třebíčer Juden in ih­ren Viehwaggons von diesen Engeln behütet worden waren, hatten ihn Zweifel ge­quält, und er erwehrte sich nur mit Mühe des Gedankens, dass selbst der Allmächti­ge ein Versprechen brechen konnte oder einfach vergessen hatte, seinen Engeln zu befehlen … seinen Engeln, die dann an den Wegen nach Theresienstadt und in die Ver­nichtungslager schweigend und tatenlos Spalier standen. Hatte denn ein anderer allmächtiger Gott nicht sogar seinen eigenen Sohn ans Kreuz nageln lassen, ohne die himmlischen Heerscharen gegen die Verblendung, Bösartigkeit und Grausamkeit seiner Geschöpfe ins Feld zu führen?

Christoph Ransmayr, Die Arbeit der Engel, 2014

Die Stadt Třebíč gibt es. Sie liegt im mittleren Süden Tschechiens und weist zwei Be­rühmtheiten auf: das vollständig erhaltene jüdische Ghetto als Weltkulturerbe und den grössten jüdi­schen Friedhof der Republik. Dreitausend Grabsteine auf zwölftau­send Quadratme­tern. Ransmayr hat ihn besucht. Eine Reisemi­nia­tur ist ihm gewid­met. Genauer, jenem alten Mann, der kein Jude ist, aber Stück für Stück die lange Mauer des Friedhofs restauriert. Freiwillig.

Pavlik ist pensioniert. Er arbeitet zu allen Jahreszeiten. Gerade herrscht eis­kalter Win­ter. Es denkt in ihm, während er arbeitet. Er bespricht mit sich, was er da tut und was da mal war. Ihm, dem wie so vielen nicht so viel von christlicher Tradition be­kannt ist, kommt ein Bibelvers in den Sinn: Denn er hat seinen En­geln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuss nicht an einen Stein stossest. (Ps 91,11-12) Viel­leicht war dies sein Taufspruch? Oder hört er gar, wie ein Chor aus Mendelssohns Orato­ri­um Elias diese Verse singt? Engelszungen im Eiseswinter?

Da Pavlik aber weiss, warum dieses Ghetto nicht mehr jüdisch ist und diese Fried­hofs­­mau­er verfallen, wer­­­­den die Verse zur Versuchung, das Unmögliche, das hier geschehen ist, auch unmöglich zu interpretieren: Gott, der in seiner Allmacht das Un­mögliche hätte verhindern kön­nen, hatte wohl vergessen, seinen Engeln zu befehlen. Und so stan­den sie, ohne Befehl ratlos und tatenlos geworden, schweigend Spalier an den lan­gen Wegen der Deportation in die Vernichtungslager. Welch eine unmög­li­che Vorstel­lung! Spalier zu stehen nicht für Sieger, die erfolgreich heimkehren und nun ju­belnd begrüsst werden, sondern für Verlierer, die verachtet und verhöhnt ihrem Tod entge­gen gehen. Welch eine unmögliche Vorstellung! Engel, die das Spalierste­hen zum Spiessrutenlaufen verkehren, indem sie die Todgeweihten schlagen, statt sie zu hü­ten, zu tragen, zu retten.

Dass sich der Gott dieser Juden, die einst in der Stadt Třebíč gelebt hatten, wie ir­gend­ein durchschnittlicher Mensch als unzuverlässig und vergesslich erwies, durch­aus nicht als allmächtig, hat für Pavlik eine Parallele im Gott der Christen, de­ren es aus anderen Gründen auch nicht mehr viele gibt: Dieser hatte sogar wissent­lich und vorsätzlich, nicht etwa aus Unzuverlässigkeit und Vergesslichkeit, seinen eigenen Sohn einem widerlichen Schauprozess mit entsprechendem Justizmord preisgege­ben, ohne dagegen seine Allmacht spielen zu lassen.

Die unmögliche Möglichkeit, die Rassismus heisst, hat auch mit dem Spalierstehen all derer zu tun, die zusehen und dabei wegsehen. Die gefallenen Engel sind wohl auch die schweigenden Zeitgenossen. Der allmächtige Gott, der nicht einschreitet, ist wohl auch der Schatten des allmächtigen Staats, dessen Ideologie grenzenlos wird. Pav­liks Arbeit aber ist Versöhnung, Stück für Stück, ist Arbeit am Unmöglichen, das nicht zu bewältigen ist: weder der unmögliche Mensch noch der unmögliche Gott.

60 / 11.8.15