Message

59 Stiller

Bist du fern, bin ich weh. / Eisen ohne Bügel / und Schnee ohne Mann. / Dem See fehlt das Ufer, / und Echo sucht Rufer. / Was fange ich bloss ohne dich an?

Astrid Stiller, Katzengold, 2014

Anfang und Schluss kämen ohne die Mitte aus. Hintereinander gelesen haben die Zei­len Sinn. Ein Ich braucht ein Du. Erst zusammen sind sie ganz. Fehlt das Du, so ist das Ich verletzt. Ist das Eine fern, so verliert das Andere seinen Le­bens­­sinn. We­der Kreis noch Kugel ist dieses Wesen dann, sondern Fragment und Tor­so. Nicht voll­kommen, sondern unfertig. Was fehlt, macht aus beiden, dem Ich wie dem Du, offene Wunden. Erst wenn zwei eins sind, ist das Eine ganz und nicht allein. Allein kann nicht sein, denn es ist Abwesenheit und Ausge­liefertsein. Wo­ran? An nichts.

Wie nichtig dieses Nichts ist, zeigen die vier Bildpaare in der Mitte. Sie machen an­schau­lich und vorstellbar, wie absurd und undenkbar Alleinsein ist. Die beiden ersten Paare spielen mit der Möglichkeit der deutschen Sprache, Wörter zusammensetzen zu können. Sie wirken noch eher komisch und surrealistisch. Eisen und Bügel sind je für sich ja denkbar und je für sich ja ebenso sinnvoll wie Schnee und Mann: Eisen lässt sich ganz verschieden schmieden, und auf Bügel hängt man seinen Sacco. Schnee bedeckt ganz unterschiedlich die Wiesen, und das Mädchen hofft auf einen Mann. Es gibt genügend Kontexte, in denen diese vier Wörter je für sich sinnvoll sind. Anders natürlich beim Bügeleisen und beim Schnee­mann. Die sind speziell. Hier haben sich Materialien funktional zu Instrumenten gebunden. Mit dem einen wird Ordnung hergestellt, und das andere dient dem Vergnügen. Nimmt man die Wörter auseinander, so verlieren sie ihren funktionalen Sinn. Was hier eine Ganzheit war, ist funktional gestimmt. Funktion macht ganz. Sonst bleiben Teile.

Anders die zweiten Paare. Hier werden keine Zusammensetzungen dysfunktional ge­macht. Der See bleibt See, und das Echo bleibt Echo. Es braucht nicht erst die Wort­kombi­na­­tio­nen Seeufer oder Ruferecho, um die beiden Einzelwörter zu verstehen. Jeder weiss, dass das Echo eine Wirkung ist, causa secunda, die es nicht gäbe, wenn kei­ner riefe. Und jeder weiss, dass das Ufer eine Ursache ist, causa prima, oh­ne die Was­ser nicht stehen bliebe und einen See bildete. Hier kann man nichts aus­ein­an­der­nehmen. Ursache und Wirkung sind unlösbar verbunden. Kausalität ist un­auf­hebbar. Diese Paare wirken auch nicht komisch, sondern unlogisch. Es sind Na­tur­gesetze, in diesem Fall physikalisch notwendige Vorgänge. Einen See gibt es oh­ne Ufer so wenig wie ein Echo ohne Rufer. Kausalität ist ganz. Sonst ist nichts.

Was also ist Alleinsein? In diesem Gedicht steigernd eine lächerliche Dysfunktiona­li­tät oder das reine Nichts. Entweder lebt nicht gut und richtig, wer allein ist, oder er ist bereits tot, obwohl er vielleicht noch lebt.

Die rhetorische Frage erhält zwei Antworten: Ohne sein Du kann ein Ich entweder we­­­nig anfangen oder nichts. Die biblische Urgeschichte von der ersten Frau und dem ersten Mann liegt auf der Linie der zweiten Antwort. Zweimal flicht sie einen mashal ein, ein Sprichwort, eine weisheitliche Sentenz: Es ist nicht gut, dass der Mensch all­ein ist. Der Schöpfer sagt dies zu sich selbst (Gen 2,18) und macht sich daran, dem Einen ein gleiches Anderes zu schaffen, als Gegenstück und Pendant. Ein Mann ver­lässt seinen Vater und seine Mutter und hängt an seiner Frau, und sie werden ein Fleisch. Diese Einsicht hat der erste Mensch (Gen 2,24) und macht sich daran, den Akt des Einswerdens von Frau und Mann zu vollziehen und so ein Wesen zu werden.

Heute sind beide Antworten plausibel. Einssein zu zweit hat kein Monopol mehr im Vollzug der Ehe. Es ist längst ohne sie möglich. Auch Alleinsein ist möglich. Aber die Sehnsucht, gelegentlich ein See zu sein oder ein Echo, ist geblieben.

59 / 11.8.15