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58 Urzidil

Aber ich war reich. Wer sich im Karolinenthaler Flusshafen in einer Obstzille verstec­ken, bei Jordan mit einem Alligator spielen, bei Kutina einen Rollmops verschlingen und mit Fräulein Odkolek im Laden Ball spielen kann, ist reich. Der Geruch der sau­ren Fische, der Geschmack der Äpfel im Lastkahn, das muffige Drachenaroma, der le­bendige Duft des Odkolek-Brots und der schwelende Dunst der Bettlersuppe, das sind unwiederbringliche Reichtümer.

Johannes Urzidil, Von Odkolek zu Odradek, 1970

Prag um 1900. Johannes Urzidil (1896-1970) erinnert sich zuletzt an seine früheste Kindheit. Er ist ein deutschsprachiger Jude wie Kafka, Brod und Werfel. 1933 musste er Prag hals­über­kopf verlassen, 1939 auch Tschechien. Er kehrte nie mehr zurück. Ge­gen En­de seines Lebens nun erinnert er sich in Amerika. Am En­de der Anfang. Ka­roli­nen­thal war auch Karlín und noch zweisprachig, Prag noch ein bun­tes Völker­ge­misch, die Belle Epoque noch in voller Blüte, der Unterschied zwi­schen Reich und Arm noch unübersehbar.

Fern der Heimat, die nach imperialer und faschistischer nun unter stalini­stischer Kon­trolle stand, im Land der Freiheit, in dem making dollars und die liberty of choice alles sind, am falschen Ort und zur falschen Zeit also, denkt Urzidil über Reichtum nach. Er sieht die unwiederbringlichen Reichtümer in seiner frühen Kindheit. Spätere schei­nen wiederbringlich zu sein. Jene der Kindheit sind verloren. Urzidil beschreibt in die­ser Erzählung eine verlorene Welt.

Verloren die Obstzille, das Transportboot der Moldau mit flachem Boden ohne Kiel, auf dem er sich ein­mal versteckt hatte, dass die Brüder ihn lange nicht fanden. Ver­lo­ren der ausgestopf­te Alligator, den der Spediteur des Quartiers einst aus Lousiana nach Prag gebracht hatte und mit dem er nun im Hinterzimmer spielte, nachdem er un­bemerkt hereinge­schli­chen war. Verloren der Rollmops, den er sich, während sich das Hausmäd­chen, das ihn mitgenommen hatte, noch über die Behandlung von Stockfischs unterrichten liess, gemopst hatte und sofort ganz gegessen und ver­schluckt, sodass ihm der spitze Span, der den Rollmops zusammenhielt, vom Quar­tierdoktor gerade noch aus der Kehle geholt werden konnte. Verloren der Ball, der zwi­­schen ihm und der Bäckerstochter hin- und herflog, wobei sie sich beim Fangen jeweils extra zu Boden warfen, ein Ritual, das immer losging, sobald er mit seinen Brüdern den Bäckersladen betreten hatte, um den wöchentlichen Riesenlaib für eine vielköpfige Grossfamilie abzuholen.

Verloren die Wunderwelt kindlicher Entdeckungen und Gerüche. Ja, das macht die Er­zählung so anschaulich: Sie riecht. Zwischen den Zeilen verströmt sie markante Düfte. Süss die Äpfel, sauer der Fisch, muffig das Präparat, frisch das Brot. Exoti­sche Gerüche markieren die Erinnerung. Kindheit besteht aus Duftmarken, die alle­samt erstmalig und, ist sie erst mal verloren, auch einmalig sind. Das Olfaktorische ist der erste und der letzte aktive Sinn. Vor dem Hören und Sehen kommt das Rie­chen. Und sind einem die beiden vergangen, bleibt bis zuletzt das Riechen. Heimat ist vertrauter Ge­ruch. Riechen ist das A und O. Gewiss hatte auch Mose einen be­son­de­ren Kindheitsgeruch: das Pech, mit dem seine Mutter das Körbchen wasserfest ge­macht hatte (Ex 2,1-3). Oder Samuel: das Leinen, aus dem sein Ge­wand gewebt war, wohl auch der Überwurf, den ihm seine Mutter jedes Jahr gebracht hatte (1Sam 2,18-19. Oder Jesus: das Heu der Futterkrippe, die sein erstes Bett gewesen war Lk (2,7). Wer wüsste nicht, wie Pech, Leinen oder Heu riechen?

Verloren die Kinderzeit, in der Zeit noch nicht Zeit war, die vergeht, sondern Geruch, der nie vergeht: Was ist das Ewi­ge? Das Sich-Verstecken und der rollende Ball.

58 / 9.7.15