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57 Belli

Tu cuerpo es el paraíso perdido / del que nunca jamás ningún Dios / podrá expul­sar­me. // Dein Körper ist das verlorene Paradies, / aus dem niemals wieder irgendein Gott / mich vertreiben kann.

Gioconda Belli, Amor de frutas, spanisch 1992

Ihre Gesellschaft war konservativ, ihre Kirche katholisch und ihr Staat diktatorisch, als die junge Autorin erste erotische Gedichte in einer Tageszeitung von Managua publizierte. Ni­caragua stand Kopf. Belli ging ins Ausland und kehrte erst nach der sandinistischen Revo­lution von 1979 zurück.

Dass eine Frau es ist, die hier einen Mann beschreibt, wie im Beschreibungslied des deut­schen Minnesangs eine Frau beschrieben wurde. Dass sie hier einen unbekann­ten Mann aus Früch­ten malt, wie der Italiener Arcimboldo (1527-1593) seine Allegori­en auf die Gran­den des Hauses Habsburg malte. Dass sich cornucopia, das Füll­horn, aus dem bunte Früch­te quellen, hier über einen nackten Liebespartner er­giesst, während in der An­ti­ke der junge Zeus sich aus dem Füllhorn der Amaltheia nährte. Das alles erregte Auf­merk­sam­keit, Gemüter und Glieder. Man stelle sich das Geschlecht vor, bedeckt mit Äpfeln, Mangonektar und Erd­beerfleisch. Eine Umar­mung, bei der Mandarinen rollen. Einen Kuss, während Wein aus Trauben rinnt. Ar­me, die nach Orangen schmecken. Beine, die den Samen des Granatapfels verber­gen. Tu cuerpo son todas las frutas. Liebe ist hier ein frugales Gelage.

Ob konservativ, katholisch oder diktatorisch. Quelle des aufmüpfigen Ge­dichts ist die gute alte Bibel. Diesseits von Allegorien, mit denen man die Erotik fromm übertüncht hat, ist es das Hohelied, die biblische Sammlung ero­ti­scher Liebeslyrik, die auch die­sem Gedicht Vorbild ist (Hld 5,10-16): Seine Wan­gen sind wie ein Balsambeet, / Ge­würzkräuter lassen sie sprossen. / Seine Lippen sind Lotos­blumen, flüssige Myrrhe träufelt von ihnen. Ohne Garten kei­ne Liebe.

Wäre da nicht der Schluss des Gedichts. Er irritiert. Dein Körper ist das verlorene Pa­ra­dies. Wie soll das gehen? Entweder ist er, oder er ist verloren. Entweder im Sein und hier oder im Nichtsein und weg. Beides geht nicht. Aus dem niemals wieder ir­gend­ein Gott mich vertreiben kann. Wenn sie nicht dort sein kann, weil es verloren ist, kann sie auch niemand von dort vertreiben. Entweder sind sie drinnen, dann sind sie verloren. Oder sie sind draussen, dann braucht sie kein Gott zu vertreiben. So oder so, die neue Eva und der neue Adam leben im Paradox, wenn sie lieben. Liebe, wenn es sich wirklich um sie han­delt, ist paradox.

Vereinigung und Versenkung, Gefühl und Genuss, Zärtlichkeit und Geilheit, Exzess und Or­gasmus, was immer sich ereignet, wenn zwei sich lieben, wäre dann, wenn es sich wirk­lich um Liebe handelt, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Ganz hier und ganz weg. Sein und Nichtsein. La petite mort. Die Erfahrung der Liebe wäre dann wie die Erfahrung Gottes paradox, nämlich ein Ganz-ausser-sich-Sein und ein Ganz-bei-sich-Sein. Sich ge­nommen und sich gegeben. Voll weg und voll da.

Das macht die Liebe so gefährlich für Konservative, Kirchenfürsten und Diktatoren. Wenn nicht mal irgendein Gott die Liebenden aus dem Paradies ver­treiben kann, um wie viel machtloser sind dann sie! Ihre Zwänge schmilzen weg im Feuer. Ihr dürres Brot ver­trock­net neben dem Füllhorn. Stark wie der Tod ist die Liebe, hart wie das To­tenreich ihre Leidenschaft. (Hld 8,6) Der amor de frutas bricht den Willen zur Macht. Der Garten überwuchert das Zeughaus. Der General verliert die Hose.

57 / 26.6.15