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56 Boulus

Das Kind hinter der Mauer // Ein Kind schaukelt einen Ast / vor den Brauen in der Krone des Maulbeerbaums / oh­ne Beschäftigung, neben der Backgrube / und begräbt manchmal in den Blättern / sei­ne Augen, zu schwach / um ihren Blicken standzuhalten / dieser Ansammlung von Nachbarn auf den Mauern / wie eine Schar Raben / Polizeiabzeichen / sein Vater im Pyjama / auf dem Hof / wird ausgepeitscht

Sargon Boulus, Zeugen am Ufer, arabisch 1992

Irak. Sargon Boulus (1944-2007) war Iraker. Seine wenigen Gedichtbände verarbei­ten ira­kische Lebenserfahrungen. Mit einer Feinheit und einem Tiefgang, den man sich, sofort be­schämt darüber, derlei festzustellen, gar nicht vorstellen kann. Irak. Das sind Katastro­phenmel­dungen seit dreissig Jahren. Das sind blutverschmierte Märkte, brennende Raffi­ne­ri­en, ver­gaste Dörfer, martialische Diktatoren, verfeindete Konfessionen, separatistische Ethni­en, religiöser Fanatis­mus, panarabistischer Wahn. Irak. Gibt es dort Feines und Tie­fes? Dichter und Sänger? Kultur? Früher war Bagdad ein Schmelztiegel der Kulturen! Aber heute? Haben Kultur­schaffende wie Za­ha Hadid, die Archi­tektin, oder Samir, der Filmemacher, Bagdad nicht längst verlas­sen? Irak. Ein gescheiter­ter Staat, eine zerrüttete Gesellschaft, ei­ne zerschossene und verbrannte Kultur. Eine durch und durch traumatisierte Welt. Irak.

Boulus fragt nach den Menschen im Irak. Hier nach den Kindern. Was geschieht in Kinder­seelen, die ungefragt Zeugen werden? Was bleibt auf Kindergesichtern von al­lem, was sie mitan­se­hen mussten? Was wird aus Kinderträumen, wenn sie älter und erwachsen gewor­den sind? Dieses Kind ist ein Kind und namenlos. Ein Es, das für vie­le steht. Hat sich zurückge­zo­gen. Hinter die Mauer und auf den Maulbeerbaum. Hat sich unsichtbar gemacht in der Kro­ne. Überschaut von dort oben zwar alles, ver­birgt aber zugleich sein Gesicht. Will nichts mehr sehen und begräbt seine Augen. Als wären sie tot von so viel Gese­henem. Ge­blendet von so viel Unglaublichem. Aus­gestochen von so viel Grausam­keit.

Die Zeit steht still. Die Backgrube ist kalt und ruht. Die Menschen sind ohne Beschäf­ti­­gung. Sie stehen auf den Mauern und gaffen. Nicht mehr Nachbarn sind sie, son­dern Voy­eu­re. Nicht mehr Menschen, sondern schwarze Totenvögel. Sie haben sich versammelt und geschart, als warteten sie auf ein Opfer, eine Atzung, einen Lecker­bis­sen. Wie sie so auf den Mauern stehen und gaffen, sind sie unerträglich für das Kind im Baum. Es würde schwach werden, würde es erkannt dort oben. Es wäre nicht mehr ein Kind, sondern das Kind dieses Vaters, der dort, wo alle hingaffen, ge­rade gede­mütigt wird im Pyjama, ausgepeitscht auf dem Hof, den alle einsehen kön­nen, ausge­liefert der Schar, die auf seinen Tod wartet, um ihn auszuweiden. Ani­mali­sierung der Ordnungskräfte. Bestialisierung der Nachbarschaft. Kannibali­sie­rung des Alltags. Diese systematische Ver­wilderung des Zusammenlebens treibt Kin­deraugen in den Tod. Das Kind begräbt manch­mal in den Blät­tern seine Augen. Die­se Welt ist nicht zum Ansehen. Ihr Antlitz ist eine Fratze. Die tägliche Hölle.

Kin­der. Boulos gibt den Schwächsten seine Stimme. Die fast nur grausame Bilder zum Wegsehen haben und sicher keine Worte fürs Gesehene, haben hier ihr Ge­dicht, ihre Mah­nung, ihre Erinnerung. Kinder. Dieses Gedicht ist ein Denkmal für sie, an die zuletzt gedacht wird. Zuerst bekommen die Helden der Entmenschlichung ei­nes, auch die mit Po­lizeiabzeichen. Allenfalls gibt es noch eines für die Heldinnen und Helden des Wider­stands. Kinder. Wo jemals habe ich ein Denkmal für Kinder ge­sehen, die sich auf  Bäu­me flüchteten? Was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan. (Mt 25,45) Kinder im Irak.

56/ 26.6.15