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55 Szymborska

Dir fehlt der Sinn für Anteilnahme.Kein Sinn ersetzt dir den Sinn der Anteilnahme.Selbst der bis zur Allsicht geschärfte Blicknützt dir gar nichts ohne den Sinn der Anteilnahme.

Wisława Szymborska, Gespräch mit dem Stein; in: Die Gedichte (Polnisch 1962); Frankfurt 1997; Sei­te 97.

Wer wollte sie nicht haben, die Allsicht? Wer wollte es nicht ganz vor Augen haben, das Panorama? Wer nicht gerne über es verfügen, das Panoptikum? Wie Gott zu sein, der alles sieht, so dass es nutzlos wäre, irgendwohin zu fliehen (Ps 139,7-10), sinn­los, etwas geheim halten (Lk 8,17), wirkungslos, eine sicher kommende Glatze verhül­len zu wollen (Mt 10,30)? Wie Gott zu sein, der das Pandämonium aller heim­lichen und un­heimlichen Bestimmungen im Griff hat, wäre das nicht toll? Einen Turm zu bauen, höher als alles Dagewesene, Weitsicht über das Dasein zu haben und Ein­sicht in die Dinge (Gen 11,1-9), wäre das nicht ein Ziel?

Wisława Szymborska beschreibt eine vergebliche Annäherung. Ich klopfe an die Tür des Steins. / Ich bin's, mach auf. So beginnen die sechs Runden ihres Ge­sprächs mit dem Stein: Von innen heraus antwortet der Stein, es gehe nicht. Warum? Er: Zu dicht sei er verschlossen. Sie: Es sei reine Neugier. Er: Das wirke lächerlich. Sie: Er ha­be eine unerkannte innere Schönheit. Er: Nur die äussere sei für sie zu erkennen. Sie: Sie wolle danach auch wieder gehen und schweigen. Er: Ihr fehle die Anteilnah­me. Sie: Als Sterbliche könne sie nicht lange warten. Er: Es werde ihr mit dem Blatt, dem Was­sertropfen, dem Haar auf ihrem Kopf genauso gehen. Sie ein letztes Mal: Ich bin's, mach auf. Er zuletzt: Ich habe keine Tür.

Nein, die Dichterin erhält keinen Zugang zum Inneren des Steins. Er bleibt für sie ver­­schlossen und unerkannt. Mit seiner Aussenansicht muss sie sich zufrieden ge­ben. Seine unver­wech­selbare Eigenheit, die Steinheit des Steins, sein Wesen blei­ben ihr fremd. Ihre Neugier prallt an ihm ab. Nicht nur mit dem Stein geht es so, Ge­spräche mit dem Blatt, dem Wassertropfen, dem Haar würden genauso verlaufen. Die Dinge, wie sie wirklich sind, essentiell und existentiell, bleiben der Neugier des Menschen unzugänglich. Eine ernüchternde Botschaft.

Die Szymborska verrät auch den Grund, den der Stein ihr nennt: fehlender Sinn für Anteilnahme. Die reine Neugier, mit der sie sich dem Stein empfiehlt, genügt allein noch nicht. Sie schärft zwar ihren Blick, schafft aber keine Anteilnahme.

Eine Erfahrung, die andere Neugierige teilen mögen. Wer auf Safari geht, will Tiere sehen. Zunächst ist er verwundert, was die local guides alles sehen: die Ohrenspitze der Hyäne im meterhohen Gras, den Pfeilfrosch auf dem feuchten Blatt, die Blatt­schnei­­derameise auf dem Weg, den schwebenden Kolibri vor der Blüte. Nach ein paar Tagen jedoch ist der eigene Blick geschärft. Der Neugierige sieht bereits viel mehr. Neugier lehrt Sehen. Das Panoptikum des Regenwaldes öffnet sich ihm, das Panorama der Savanne steht ihm zur Verfügung. Er sieht Niegesehenes und hört Un­erhörtes. Seine Sinne sind hellwach. Bei Nachtsafaris erkennt er die leuchtenden Augen von Löwenbabies im Unterholz.

Nur das Pandämonium bekommt er nicht in den Griff. Was er sieht, bleibt Objekt. In seinen Bestimmungsbüchern kann er neu entdeckte Spezies abhaken. Der Jäger und Sammler nutzt seine Sinne und nährt seine Neugier. Nur die Seelen der Dinge kommen ihm nicht zu Gesicht. Eigenheit und Wesen bleiben ihm unzugänglich. Zur Steinheit des Steins öffnet sich keine Tür. Warum? Anteilnahme würde Objekte zu Subjekten machen. Die personifizierte Lebensbestimmung eines We­sens, sein Dai­mon, würde sich zeigen. Warum nicht? Neugier ist nicht Liebe (1Kor 13,1).

3/ 22.6.15