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53 de l'Isle Adam

Bin ich am Ende schon tot, dass man mich nicht sieht?

 Auguste Villiers de l'Isle Adam, Folter durch Hoffnung; in: Erzählungen (Französisch 1888); Zürich 1970; Seite 236.

 

Der sich das fragt, ist das Opfer in einer sadistischen Geschichte: ein Jude in den Klauen der römischen Kirche. Die kurze Erzählung spielt zu Beginn der spanischen In­quisi­tion (1478-1834). Der Gefolterte ist historisch nicht belegt, wohl aber der Fol­te­rer: Pe­dro Arbuez d'Espila (1441-1485) war Professor für Ethik in Aragon und drit­ter Gross­in­­qui­sitor Spaniens. Seine Aufgabe war perverserweise sogar verständlich: Man hatte die conversos, Juden aus alteingesessenen Familien, die unter tödlichem Druck zum Christentum überge­lau­fen waren, nicht zu Unrecht im Ver­dacht, in Wahr­heit ihrem alten Glau­ben treu geblieben zu sein.

Nouveaux Contes Cruels heisst der Sammelband, in dem diese Erzählung zu finden ist. Das Grausame ist hier allerdings sorgfältig und heimtückisch drapiert. Es verbirgt sich hinter romanti­scher Spannung, schleicht im Dunkeln leise mit, raunt zwischen den Zei­len: Unter dem Ju­stizpalast von Zaragoza liegt der Kerker der Verurteilten. Der In­quisitor höchst­selbst besucht Rabbi Abarbanel. Trotz täglicher Folter seit über einem Jahr ist die­ser standhaft geblieben. Pedro kündigt ihm nun für den nächsten Tag sein Autodafé an, seinen actus fidei, seinen Tod. Der Scheiterhaufen ist bereit. Pedro, schreibt Villiers, habe Tränen in den Augen im Gedanken daran, dass diese starke Seele sich dem Heil verschloss. Man nimmt dem Gefangenen die Ketten ab. Der Fol­terer bittet um Verzeihung. Zum Abschied umarmt der Inquisitor den Rabbi zärtlich. Als wären sie Freunde, die sich für immer trennten …

Allein in seiner Zelle, entdeckt der Rabbi, dass die Tür nicht verschlossen ist. Ungläu­big kriecht er durch die Gänge des Verliesses. Er hört Schritte, aber sie gehen an ihm vorbei, ohne ihn zu bemerken. Der Inquisitor kommt vorbei, diskutiert heftig mit sei­nem Kollegen, starrt ihn an, nimmt ihn aber nicht wahr. Wieder allein, kriecht er wei­ter, spürt einen kalten Luftzug, öffnet auch diese Tür, sieht ins Freie, erkennt den nachtblauen Horizont der Sierra, riecht vertraute Zitronenbäume, flüstert Halleluja, sieht zwei Schattenarme vor sich und landet an der Brust des ehrwürdigen Pedro Arbuez d'Espila, der aus dem Dunkel getreten war und ihn betrachtete, die Augen von schweren Tränen gefüllt, wie ein guter Hirt, der sein verirrtes Schaf wiederfin­det …

Fast unerträglich, derlei zu lesen: diese perverse Freundlichkeit des Kalküls, dieser sadisti­sche Einsatz letzter Hoffnung als letzter Folter. L'enfer, c'est les autres, schreibt Jean-Paul Sartre sechzig Jahre später in Huis Clos (1944): Die Hölle, das sind die An­deren. Zur realen Hölle gehört, absichtlich übersehen und vorsätzlich nicht wahr­ge­­nom­men zu wer­den, Vernichtung durch Ignoranz und Ausmerzung durch Verges­sen. Was der Rabbi sich fragt, als der Inquisitor ihn anstarrt, scheinbar, ohne ihn zu se­hen, handelt vom Tod vor dem Tod: von Nihilierung durch Missach­tung, vom Ho­lo­caust durch Vergessen. Die geschlossene Gesellschaft der Inquisition bleibt ge­schlos­­sen, denn ihre offenen Türen sind nur die sublimste Methode ihrer Fol­tern.

Villiers, der kritische Katholik, macht die unsichtbar Gemachten sichtbar und gewährt Einblick in die geschlossene Gesellschaft des religiösen Fanatismus. Ein schwei­­gen­des Plädoyer ist dies für den wahren Diener Gottes: Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, / und den verglimmenden Docht löscht er nicht aus. (Jes 42,3).

Übrigens: Pe­dro Arbuez d'Espila, der Diener der Kirche, wurde 1485 während des Ge­bets in der Kathedrale ermordet, erhielt als Märtyrer eine eigene Kapelle und wur­de 1867 so­gar heiliggesprochen, hinter Huis Clos.

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