Message

147 Rossetti

O happy rose-bud blooming / Upon thy parent tree, / Nay, thou art too presuming; / For soon the earth entombing / Thy faded charms shall be, / And the chill damp con­suming. // O happy skylark springing / Up to the broad blue sky, / Too fearless in thy winging, / Too gladsome in thy singing, / Thou also soon shalt lie / Where no sweet notes are ringing. O frohe Rosenblüte / Auf elterlichem Busch, / Du musst vor Stolz dich hüten, / Da dich die Erde fordert / Und Schönheit welken muss: / Du bist schon bald vermodert. // O Lerche, fröhlich steigst du / Empor die Himmelsbahn, / Und keine Sorgen zeigst du: / Zu fröhlich ist dein Singen, / Denn bald schon liegst du da, / Wo nie mehr Lieder klingen.

Christina Rossetti, Gone for Ever, englisch 1846.

Herrlich, das Gedicht auf Englisch zu deklamieren! Alte Sprache, dreifüssige Faller, eigenwilliges Reimschema. Eine Könnerin, die Rossetti, die ebensogut italienische wie englische Gedichte schreibt, ihre Wurzeln in Neapel hat, ihr Leben aber in Lon­don führt. Sie findet nie in eine glückliche Beziehung, und nacheinander überlebt sie das Sterben aller ihrer nahen Verwandten. Selbst stirbt sie nach einem langwierigen Krebs. Vom Leben, nach dem sie sich in ihren Gedichten sehnt, hat sie, eingezwängt ins viktorianische Korsett einer unter verhangenem Himmel alternden Jungfrau, kaum etwas gehabt. Wie bei Emily Dickinson fliesst alle ungelebte Vitalität ins Gedicht. Ihr eigentli­ches Leben ist eine vita poetica. Herrlich, das Gedicht einer Sechzehnjähri­gen zu de­klamieren!

Gone for ever! Bereits in ihren ersten Gedichten klingt das Motiv der vanitas an, der Eitelkeit des Daseins und der Vergänglichkeit alles Irdischen. Die erblühende Ro­se und die auffliegende Lerche, klein zwar beide, aber schön für Auge und Ohr, ver­kör­pern ihr dichterisches Ich. Sie ist das, die junge Frau, die gerade ihren Frühling er­lebt, ihre Kräfte spürt, auch ihre Lust, die sich aufschwingt, sogleich aber die Be­den­ken ihrer Umgebung übernimmt, nur ja nicht etwa zu dreist zu werden, zu sorglos und zu fröhlich. Denn nach dem Aufwärtsstreben kommt der Niedergang. Und so hat bereits die jugendliche Blüte ihren eigenen Moder vor Augen, und die tirillierende Ler­che sieht sich schon gestürzt am Boden liegen. Der Mensch ist hier sogar für eine Sechzehnjährige wie das Gras, das vergeht / Am Morgen blüht es, doch es vergeht / Am Abend welkt es und verdorrt (Ps 90,5-6). Gone for ever!

Viktorianische Melancholie? Religiöser Masochismus? Selffullfilling prophecy? Wohl auch! Auf jeden Fall eine ganz andere Welt! Christina Rossetti lebt schon als Jugend­liche mit einer Zeitempfindung, die den grossen Bogen schlägt, alle Lebensalter über­­blickt, die Wahrnehmung des Endes einschliesst. Nicht in einer horizontlosen Ge­genwart lebt sie, die nichts kennt ausser sich selbst, kein Vorher und Nachher, kein War­ten und Sehnen. Nicht in einer endlosen Jetztzeit lebt sie, die alles sofort und zugleich haben muss, nichts gehen und kommen sieht, fun now fordert, aber su­bito. In keiner geschichtslosen Welt lebt sie. Und sie weiss, dass Schönheit, ob fürs Auge oder fürs Ohr, nur wahrnehmbar ist im Sichmehren und Sichmindern, im Inein­ander von Auf­schwung und Niedergang, in der Latenz des Anderen im Einen. Nur so entstehen Kunst, Poe­sie, Kultur. Eine frühe Könnerin, die Rossetti!

Wie das Schlussgedicht bei Qohelet: Denke an deinen Schöpfer in deinen Ju­gendta­gen / Be­vor die schlechten Tage sich nahen / Und Jahre kommen, von denen du sa­gen wirst: / Sie gefallen mir nicht; so ihr Erstlingsgedicht: An sommerlicher Laube / Sind in der Morgenfrühe / Schon längst nicht mehr zu sehn / Der Vogel und die Blüte. Kein Frühling ist ewig. Der Sommer kommt sicher. Auch der Herbst. Auch der Winter.

25.10.17