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146 Alberti

Puede ser que yo no sea / de este siglo. // No sé, si del que vendrá / o si del que ya se ha ido. // No siempre se puede ser / del momento en que se vive. / Nos pesa mu­cho el ayer. // Yo sueño con un futuro / que no le pese el ayer. Kann sein, dass ich nicht / aus diesem Jahrhundert bin. // Weiss nicht, ob aus dem, das kommt / oder aus dem, das schon gegangen ist. // Nicht immer kann man sein / aus dem Augenblick, in dem man lebt. / Uns beschwert das Gestern sehr. // Ich träu­me von einer Zukunft / die nicht vom Gestern beschwert ist.

Rafael Alberti, De un momento a otro, spanisch 1937.

Sein ist hier für einmal kein Hilfsverb, das erst in Verbindung mit anderen funktioniert, son­­­dern ein Vollverb, das ganz allein für sich steht. No siempre se puede ser. Hier geht es ums Sein. Nicht immer kann man sein ... Sein und Nichtsein werden hier ly­risch be­fragt.

In welcher Zeitlichkeit steht mein Sein? In der vollen Gegenwart, im Augenblick, im Moment? Was gewiss schön und gut wäre, klar anzustreben, ideal. Was aber nicht immer möglich ist. Ser und vivir fallen leider nicht immer zusammen: Das Leben ist dann nicht im Sein, und das Sein nicht im Leben. Beide sind auseinander. Ich bin nicht ganz bei mir. Lebendig bin ich zwar, aber ausser mir. Äusserlich hier, aber in­ner­lich woanders.

Aus dem Jahrhundert gefallen, wer kennt das nicht? Positiv vielleicht? Weil ich mich heimisch fühle beim Streifzug durch die mittelalterlichen Gassen einer traditionsrei­chen Stadt. Weil ich mich auskenne in der Welt der Zeichen, die mir in der Gemälde­ga­le­rie alter Meisterinnen und Meister begegnet. Weil ich Kreuzstickerei, handbemal­tes Porzel­lan, die gedrechselten Beine eines Tischs liebe, alte Handwerke, die fast ganz verschwunden sind. Weil mir aus dem Universum meiner Muttersprache plötz­lich längst entschwundene Wörter zufallen, die etwas ausdrücken, das seither unaus­ge­drückt bleibt. Ich gebe zu, dass es Momente gibt, in denen es bereichert, aus dem Jahrhundert gefallen zu sein. Kleines Glück!

Rafael Alberti meint den anderen Fall, den schwergewichtigen und belastenden, den negativen. Wenn die Hy­po­theken der Geschichte einen noch immer drücken. Wenn unbewältigte Vergan­gen­heit, ob erlitten oder verschuldet, einen plötzlich heim­sucht. Wenn vorbei Ge­glaub­tes sich auf einmal als niemals Abgeschlossenes entpuppt. Für ihn waren die frü­hen Dreissigerjahre, die Spanien ins Desaster des Bürgerkriegs trie­ben (1936-39), solche totgeglaubten und wiedererwachten Chi­mären der Geschich­te. Das imperiale, koloniale hegemoniale Erbe Spaniens war wieder da, die autoritäre Ge­schichte autoritärer Männer. Alberti schrieb Gedich­te für die republikanische Lin­ke. Als der Krieg 1939 verloren ging, flüchtete er nach Paris, und als die Deut­schen 1940 Paris besetzten, nach Bu­enos Aires. Grosses Unglück!

Zwischen der Hoffnung auf ein Jahrhundert, das endlich kommen möge, und der Last eines Jahrhunderts, das endlich vergehen möge, kann man heimatlos werden, im Nie­mandsland stranden, im Exil. Alberti, der seine Heimat an der lichtdurchfluteten Küste von Cádiz liebte, hat es damals erlebt, zwischen den Jahrhunderten zwar zu le­ben, aber nicht zu sein. Fast ein Jahrhundert später erleben Teile von Spanien, wie schnell das im­pe­­riale, koloniale und hegemoniale Erbe Spaniens wieder da sein kann, die autoritä­re Geschichte autoritärer Männer. Einmal mehr schicken sie die Guardia Civil ...

Kann sein ... Wenn ich träume, bin ich mir voraus. Wenn ich fürchte, bin ich mir hin­terher. Wie schön, wenn Sein und Leben zusammenfallen. Hic et nunc. Jetzt.

24.10.17